DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Laut sein reicht nicht aus – Was wir vom Arabischen Frühling lernen können

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Laut sein gegen rechts ist das Gebot der Stunde, aber Lautstärke kann gerade in Zeiten von Filterblasen eine gefährliche Illusion sein. In meinen Newsfeeds haben wir die Nazis schon dreimal besiegt. Aber wo liegt der Wert darin, auszusprechen, dass Rechtsradikale scheiße sind. Das ist in meiner Filterblase Common Sense. Die Faustformel lautet “Wer schweigt, macht sich schuldig, wer laut ist, macht also etwas ganz besonders gut”. Zu Chemnitz zu schweigen bringt selbstredend gar nichts, aber beim laut sein aufzuhören, bringt nicht viel mehr. Nichts liegt mir ferner als die Situation in Deutschland mit dem Arabischen Frühling zu vergleichen – Gott/Allah bewahre. Aber es gab 2011 und vor allem in den Folgejahren sehr viel Lehrreiches über die Macht bzw. Ohnmacht von Social Media in Zeiten nationaler Konflikte.

ES GIBT KEINE FACEBOOK-REVOLUTIONEN

Der Arabische Frühling gilt immer noch als bestes Belegstück für die Kraft von Social Media als Instrument für gesellschaftlichen Wandel. Wir können tatsächlich unglaublich viel vom Arabischen Frühling lernen, aber nur dann, wenn wir ihn als eine dramatische Geschichte des Scheiterns verstehen. Im Nahen Osten und Nordafrika hatten 2011 viele Menschen das Gefühl, ein Wandel sollte sich am Horizont abzeichnen. Aber es blieb beim Gefühl. Als Mubarak in Ägypten gestürzt wurde, rückte mit der Muslimbruderschaft eine Partei nach, die leider noch rückschrittlicher war, als ihr Vorgänger. In den meisten Ländern, die damals einen Frühling erleben sollten, hat sich bestenfalls nichts verändert. In Syrien ging’s vom Frühling direkt in den Bürgerkrieg. Das ist die ganze Geschichte, die leider viel zu selten erzählt wird.

AKTIVISMUS IST HARTE ARBEIT

Es reicht einfach nicht aus, seinen Unmut über Facebook und Twitter publik zu machen. Politischer Aktivismus ist harte Arbeit, die beispielsweise die Muslimbruderschaft auf sich genommen hat. Deutschland hat auch seine radikalen Bruderschaften, von denen die AfD nur die prominenteste ist. Jeder muss sich fragen: Ist laut sein gegen Rechts schon alles? Es ist wichtig, aber Social Media ist sehr gut darin, einem das Gefühl zu geben, etwas erreicht zu haben, obwohl man lediglich ein paar feurige Protest-Posts veröffentlicht hat, oder Fan einer feurigen Protest-Page geworden ist. Ich hoffe, ich trete niemandem auf den Schlips, wenn ich sage: Das kann jeder. Erfolgreich sind diejenigen, die mehr machen als die anderen.

DON’T USE YOUR ILLUSION

Wer sich in den letzten Tagen im rechten Web umgesehen hat, registriert allenthalben Optimismus und Aufbruchstimmung. Kurz: Jeder sieht gerade das, was er sehen möchte. Aber das ist auch auf der anderen Seite eine Illusion und ich hoffe, “drüben” fallen mehr drauf rein als hier. Nochmal: Auf Facebook und Twitter laut zu sein, ist das Mindeste. Man merkt es daran, dass es kaum Kraft kostet. In Summe bringen rechte Interessengruppen immer noch viel mehr Menschen auf die Straße. Auch wenn man es ihnen nicht zutraut: Sie sind extrem gut organisiert.

LAUT SEIN IST GUT. ZAHLEN IST BESSER.

Der ägyptische Aktivist Wael Ghonim gehörte 2011 zur Speerspitze des Protests gegen Mubarak. Er sah in Social Media die perfekte Waffe, um Menschen zusammenzubringen, die die gleichen Sorgen hatten. Heute sagt Ghonim: Wir waren naiv. Social Media hat uns das Gefühl gegeben, eine erdrückende Mehrheit zu sein. Seitdem mahnt nicht nur Wael Ghonim davor, zu früh zufrieden zu sein. Echter Aktivismus kostet viel Energie, aber es lohnt sich. Deshalb muss niemand seinen Job kündigen und fortan nur noch ehrenamtlich gegen Rechts kämpfen. Denn es gibt bereits Leute, die das tun. Die bräuchten nur dringend mehr Geld. Eine Überweisung ist ähnlich bequem wie ein Tweet und hilft tatsächlich. Nur bringt sie keine Likes. Daher hier mein dringender Appell: Seid gerne laut, holt Euch die Likes, die ihr verdient, aber macht auch Kohle für Organisationen locker, die bereits über Expertise und Strukturen verfügen. Oder ganz kurz: Gebt mehr als die anderen.

Das Fantasy Filmfest – Filme dürfen auch Spaß machen

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Wir leben in ernsten Zeiten. Hört man immer wieder. Ist vielleicht auch so. Die permanente Alarmiertheit über alles prägt auch die Kunst und so lassen sich immer mehr Kulturschaffende dazu verleiten, ihre Werke voll und ganz in den Dienst der kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Reizpunkten zu stellen. Das ist ehrenwert, verspricht Preise und bringt Presse. Aber ich persönlich kann’s nicht mehr sehen. Aus diesem Grund empfehle ich mit heißem Herzen das Fantasy Filmfest. Hier hat die Kultur der langen Gesichter keinen Platz, stattdessen herrscht hier der unpolitische Wahnsinn, der in Zeiten wie diesen schon fast als naive Traumtänzerei durchgeht. Fantastisch!

Die Wettbewerbsfilme sind allesamt unseriöse Werke der Leidenschaft, die nie einspielen werden, was sie gekostet haben. Es fließt Blut, es wird übertrieben, es findet keine Auseinandersetzung mit den großen Fragen unserer Zeit statt. In den nächsten Wochen habt ihr Gelegenheit, diese Filme zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal auf der großen Leinwand zu sehen. Hier meine Lieblingstrailer:

Und hier die Daten:

BERLIN 05–16 Sep | MÜNCHEN 12–22 Sep | HAMBURG 13–23 Sep | KÖLN 13–23 Sep | FRANKFURT 20–30 Sep | NÜRNBERG 25–30 Sep | STUTTGART 25–30 Sep

Hier geht’s zum kompletten Programm.

Organe gehören nicht weggeworfen – Nützliche Alternativen für Organspende-Muffel

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In den Niederlanden ist grundsätzliche jeder Erwachsene automatisch Organspender, es sei denn, die Person hat ausdrücklich dagegen widersprochen. Bei uns muss man selbst aktiv werden, entsprechend ist die Zahl der Organspender in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Eine faire Lösung für alle sähe vor, dass im Notfall nur der ein Organ bekommt, der selbst eines hergegeben hätte, aber lassen wir das. Fakt ist: Die meisten Organe werden in Deutschland nutzlos verbuddelt respektive verbrannt. Und das ist wirklich Verschwendung pur. Wenn Ihr mit Euren Innereien schon keine Leben retten wollt, dann macht um Himmels Willen etwas anderes Nützliches damit. Hier ein paar Vorschläge.

Transnational – Gefangen im falschen Körper

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Stell Dir vor, Deine Eltern sind Türken, aber Du identifizierst Dich als Deutscher. Mehmet Demirel ist transnational. Der Mann, der Eko Fresh zum Verwechseln ähnlich sieht, ist als sogenannter Deutschtürke ein gefangener zwischen den Welt. Ein einfühlsames Porträt über eine zerrissene Seele.

Wir brauchen mehr Ironie-Kompetenz – *Ironie on

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Immer wieder liest man im englischsprachigen Raum vom langsamen Sterben der Ironie. Dabei geht es im Kern um den Trend, Aussagen immer kugelsicherer und maximal emotional zu treffen. Denn die Zeiten sind ernst, sehr ernst, zu ernst für Witzchen. Als rhetorische Figur sagt die ironische Aussage das eine, meint dabei aber das Gegenteil. Der Kniff funktioniert natürlich nur, wenn der Adressat ihn versteht. Riskant! Zwinkersmileys und die Kennzeichnung *Ironie off sind ein gutes Zeichen dafür, dass wir das Risiko immer seltener eingehen und die Ironie langsam aber sicher verlernen.

IRONIE IST HUMAN-ONLY

Damit meine ich nicht Euch Wittgenstein-Leser, sondern den Durchschnitt der Gesellschaft. Zu all den Kompetenzen, die sich Menschen in der vernetzten Welt aneignen müssen, will ich die Ironie-Kompetenz hinzufügen. Als Harald Schmidt noch auf Sendung war, verfügten wir in Deutschland zum Beispiel über eine deutlich höhere Ironie-Kompetenz als heute. Aber wozu brauchen wir das Ding überhaupt? Ich stelle die steile These in den Raum, dass Ironie zu den wenigen Dingen gehört, zu denen eine AI wohl nie fähig sein wird. Zur Stunde müssen wir uns nicht permanent von irgendwelchen Maschinen-Intelligenzen abgrenzen und doch leben wir in einer Welt, in der Identität für viele Menschen zur zweiten (oder ersten) Religion geworden ist. Ironie ist human-only, allein schon deshalb sollten wir sie pflegen und schützen. Aber was ist eigentlich der Grund dafür, dass wir immer mehr auf diese pastorale NGO-Tonalität setzen, die jeder Aussage das Leid der Welt auf die Schultern setzt, was nicht selten zum Brüllen komisch ist (aber wer lacht, hat den Ernst der Lage nicht verstanden).

*IRONIE ON

In den 90ern (der Simpsons-Ära) hat man selten mehr als fünf Personen gleichzeitig angesprochen. Man kannte das intellektuelle Gefälle im Raum und konnte seine Rhetorik darauf anpassen. Thanks to the Internet richten wir unser Wort heute an ganze Communities. Auf Twitter und Facebook geht alles was wir sagen durch mindestens 300 Gehirne, daher tendieren wir zum kleinsten gemeinsamen Nenner der Verständlichkeit. Deshalb sind Pressemitteilungen auch meistens frei von Ironie. Je nach Größe der Peergroup ist jeder Tweet eine kleine Pressemitteilung, hier mit der feinen Klinge der Ironie zu arbeiten, kann den einen oder anderen Adressaten ratlos hinterlassen. Und Hand auf’s Herz: Wie oft verstehen wir andere absichtlich falsch, um im Lichte unserer klugen Kritik zu glänzen? Die Call-out-Culture ist keine Fata Morgana, wir gehen jeden Tag auf Großwildjagd, um irgendjemanden einer bedenklichen Aussage zu überführen. Als Chef einer Comedy-Redaktion frage ich jeden morgen: Hat heute schon irgendjemand etwas falsches gesagt?

DIE SEUCHE DES VERLOGENEN ERNSTS

Leah Finnegan nannte den Trend in ihrem Nachruf Bring Back the Irony Urn, als Abkürzung für “Urgent Earnestness” und lieferte ein allzu bekanntes Beispiel:

Urn is saying the most obvious thing (“Donald Trump is a big whiny crybaby!”) really self-righteously (“Donald Trump is a big whiny crybaby and if you don’t think so you need to reexamine your life!”) and receiving acclaim for doing so (“Donald Trump is a big whiny crybaby and if you don’t think so you need to reexamine your life!” 3.1k likes 4.5k retweets).

Integraler Bestandteil einer Aussage sind längst auch Reichweiten-Kennzahlen, denn wer etwas mag, das schon viele andere mochten, kann so falsch nicht liegen. Wir können uns gar nicht dagegen wehren, dass sich unser innerer Algorithmus, der stets nach Bestätigung sucht, mit den Algorithmen synchronisiert, die hohe Interaktionsraten über Likes und Retweets erzeugen wollen. Dementsprechend neigen wir zu Aussagen mit geringster Ambiguität, weil sie bewiesenermaßen über die höchste Zuspruch-Wahrscheinlichkeit verfügen. Und wenn Ironie von etwas lebt, dann von Ambiguität (vulgo: Doppeldeutigkeit).

DIE BESTE WAFFE GEGEN BULLSHIT

Kommen wir zurück zum konkreten Nutzen der Ironie: Ironie ist die beste Waffe gegen Bullshitting, also dem Trend der kalkulierten Empörung und der windigen Selbstüberhöhung mit dem Menschen und Organisationen ethische und moralische Rampen für schmierige Eigen-PR anfahren. Das ist leider eine der ekelhaftesten Seuchen unserer Zeit, die immer schamloser um sich greift. Ironie ist ein Vergrößerungsglas für Bullshit, weil sie immer sagt: Schau zweimal hin. Wenn man dann noch den Nagel auf den Kopf trifft, werden Euch die Götter mit Likes belohnen, die Ihr Euch in Euren kühnsten Träumen nicht ausmalen könnt. Viel Spaß damit.

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