DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Wir brauchen mehr Ironie-Kompetenz – *Ironie on

in Initiative by

Immer wieder liest man im englischsprachigen Raum vom langsamen Sterben der Ironie. Dabei geht es im Kern um den Trend, Aussagen immer kugelsicherer und maximal emotional zu treffen. Denn die Zeiten sind ernst, sehr ernst, zu ernst für Witzchen. Als rhetorische Figur sagt die ironische Aussage das eine, meint dabei aber das Gegenteil. Der Kniff funktioniert natürlich nur, wenn der Adressat ihn versteht. Riskant! Zwinkersmileys und die Kennzeichnung *Ironie off sind ein gutes Zeichen dafür, dass wir das Risiko immer seltener eingehen und die Ironie langsam aber sicher verlernen.

IRONIE IST HUMAN-ONLY

Damit meine ich nicht Euch Wittgenstein-Leser, sondern den Durchschnitt der Gesellschaft. Zu all den Kompetenzen, die sich Menschen in der vernetzten Welt aneignen müssen, will ich die Ironie-Kompetenz hinzufügen. Als Harald Schmidt noch auf Sendung war, verfügten wir in Deutschland zum Beispiel über eine deutlich höhere Ironie-Kompetenz als heute. Aber wozu brauchen wir das Ding überhaupt? Ich stelle die steile These in den Raum, dass Ironie zu den wenigen Dingen gehört, zu denen eine AI wohl nie fähig sein wird. Zur Stunde müssen wir uns nicht permanent von irgendwelchen Maschinen-Intelligenzen abgrenzen und doch leben wir in einer Welt, in der Identität für viele Menschen zur zweiten (oder ersten) Religion geworden ist. Ironie ist human-only, allein schon deshalb sollten wir sie pflegen und schützen. Aber was ist eigentlich der Grund dafür, dass wir immer mehr auf diese pastorale NGO-Tonalität setzen, die jeder Aussage das Leid der Welt auf die Schultern setzt, was nicht selten zum Brüllen komisch ist (aber wer lacht, hat den Ernst der Lage nicht verstanden).

*IRONIE ON

In den 90ern (der Simpsons-Ära) hat man selten mehr als fünf Personen gleichzeitig angesprochen. Man kannte das intellektuelle Gefälle im Raum und konnte seine Rhetorik darauf anpassen. Thanks to the Internet richten wir unser Wort heute an ganze Communities. Auf Twitter und Facebook geht alles was wir sagen durch mindestens 300 Gehirne, daher tendieren wir zum kleinsten gemeinsamen Nenner der Verständlichkeit. Deshalb sind Pressemitteilungen auch meistens frei von Ironie. Je nach Größe der Peergroup ist jeder Tweet eine kleine Pressemitteilung, hier mit der feinen Klinge der Ironie zu arbeiten, kann den einen oder anderen Adressaten ratlos hinterlassen. Und Hand auf’s Herz: Wie oft verstehen wir andere absichtlich falsch, um im Lichte unserer klugen Kritik zu glänzen? Die Call-out-Culture ist keine Fata Morgana, wir gehen jeden Tag auf Großwildjagd, um irgendjemanden einer bedenklichen Aussage zu überführen. Als Chef einer Comedy-Redaktion frage ich jeden morgen: Hat heute schon irgendjemand etwas falsches gesagt?

DIE SEUCHE DES VERLOGENEN ERNSTS

Leah Finnegan nannte den Trend in ihrem Nachruf Bring Back the Irony Urn, als Abkürzung für “Urgent Earnestness” und lieferte ein allzu bekanntes Beispiel:

Urn is saying the most obvious thing (“Donald Trump is a big whiny crybaby!”) really self-righteously (“Donald Trump is a big whiny crybaby and if you don’t think so you need to reexamine your life!”) and receiving acclaim for doing so (“Donald Trump is a big whiny crybaby and if you don’t think so you need to reexamine your life!” 3.1k likes 4.5k retweets).

Integraler Bestandteil einer Aussage sind längst auch Reichweiten-Kennzahlen, denn wer etwas mag, das schon viele andere mochten, kann so falsch nicht liegen. Wir können uns gar nicht dagegen wehren, dass sich unser innerer Algorithmus, der stets nach Bestätigung sucht, mit den Algorithmen synchronisiert, die hohe Interaktionsraten über Likes und Retweets erzeugen wollen. Dementsprechend neigen wir zu Aussagen mit geringster Ambiguität, weil sie bewiesenermaßen über die höchste Zuspruch-Wahrscheinlichkeit verfügen. Und wenn Ironie von etwas lebt, dann von Ambiguität (vulgo: Doppeldeutigkeit).

DIE BESTE WAFFE GEGEN BULLSHIT

Kommen wir zurück zum konkreten Nutzen der Ironie: Ironie ist die beste Waffe gegen Bullshitting, also dem Trend der kalkulierten Empörung und der windigen Selbstüberhöhung mit dem Menschen und Organisationen ethische und moralische Rampen für schmierige Eigen-PR anfahren. Das ist leider eine der ekelhaftesten Seuchen unserer Zeit, die immer schamloser um sich greift. Ironie ist ein Vergrößerungsglas für Bullshit, weil sie immer sagt: Schau zweimal hin. Wenn man dann noch den Nagel auf den Kopf trifft, werden Euch die Götter mit Likes belohnen, die Ihr Euch in Euren kühnsten Träumen nicht ausmalen könnt. Viel Spaß damit.

Fanatismus grotesk – Erste Türken zerstören ihre iPhones

in What The Fuck by

Dass sich Menschen aus ideologischen Gründen in die Luft sprengen, hat man ja schon oft gesehen. Aber das hier zeigt, wie weit der Fanatismus Menschen bringen kann. Um Erdogan ihre Treue zu beweisen, zerstören Türken ihre iPhones. Jawohl, ihre iPhones. Und auch nicht einige wenige, sondern zahlreiche. Meine Gedanken sind bei all jenen, die nur über ein einziges iPhone verfügen und an der Frage verzweifeln, womit sie sich beim Zertrümmern filmen sollen. Andere sollen schon ihre iPhones wie Dissidenten im Keller verstecken. Und doch könnte der Trend Erdogan langfristig teuer zu stehen kommen, wenn Menschen im Wahn die Empfangs-Geräte für fanatischen Content zerstören. Das wäre von feinster Ironie. An dieser Stelle gratuliere ich unseren Enkeln zu Geschichtsbüchern, die sich wie MAD-Hefte lesen.

eSport Tiger Moms – Wenn Computerspiele zur Qual werden

in Browser Ballett by

Seitdem sich herumgesprochen hat, dass bei eSports-Turnieren nicht selten Preisgelder in Millionenhöhe ausgelobt werden, hat sich eine ganze neue Elterngeneration entwickelt: Esport Tiger Moms. Geldgeile Eltern dressieren ihre Sprösslinge zu Zocker-Maschinen. Der Ballerspaß bleibt auf der Strecke, was zählt, ist die Leistung. Traurig, wie hier junge Menschen um ihre Kindheit betrogen werden.

Wie eine russische Trollfabrik Demos und Gegendemos in den USA organisiert

in Politik by

Ich schäme mich dafür, aber als Mensch, der immer von Bond-Bösewichten fasziniert war, muss ich mich vor der Internet Research Agency aka Trollfabrik Russland verneigen. Was diese Teufel schaffen, ist State of the Art Gesellschafts-Fernsteuerung. An den USA! Der selbsternannten stabilsten Demokratie der Welt. Und das auch noch via Facebook, also einem Tool, das in den USA erfunden wurde. Mehr geht nicht. Kommen wir zu den (kritisch zu betrachtenden) Fakten:

Vergangene Woche präsentierte Facebook mehrere Accounts, die als unauthentisch und dem Vernehmen nach von Russland betrieben aus dem Verkehr gezogen wurden. Wer jetzt an die klassischen rechten Propaganda-Schleudern denkt, der irrt. Unter anderem handelte es sich um linksliberale Aktivisten-Accounts, die eine Anti-Trump-Demo organisierten und viele echte Linksliberale für die No Unite the Right 2-DC Demonstration in Washington mobilisierten. Die Gegendemo zu einem White Supremacist Aufmarsch, der mutmaßlich ebenso von der Internet Research Agency unterstützt wurde, zog 600 Teilnehmer und 2600 Interessierte an und jetzt fragt man sich zunächst: Warum vernetzt Russland plötzlich Trump-Gegner? Wikipedia klärt auf:

Wir erinnern uns an Black Lives Matter. Auch hier outeten sich russische Bot-Netze als glühende Anhänger der Black Community, um die gesellschaftliche Spannung in den USA systematisch zu fördern. Das Digital Forensic Research Lab hat sich in einem sehr detaillierten Medium-Artikel intensiver damit befasst, welche Strategie die von Facebook gelöschten Pages verfolgten. Ergebnis: Die Internet Research Agency clustert zur Stunde offenbar die wichtigsten Identifikations-Gruppen der USA von Hispanics bis Feministen, um die einzelnen Szenen zu unterwandern. Das ist komplex, ambitioniert und nicht selten genial:

Mysteriöse User bauen Facebook-Events auf und übertragen die Admin-Rechte an echte Aktivisten, die keinen Grund haben, nachzufragen, warum ein Unbekannter ihre Sache unterstützt. Im Falle der No Unite the Right 2-DC Demo zeigten sich die gelockten Demonstranten in spe sogar empört über die Löschung des Events, obwohl ihnen Facebook erklärte, dass die Initiative dazu ihren Ursprung in Russland habe. Der Aktivist Brendan Orsinger kommentierte seinen Frust der Event-Löschung gegenüber der Washington Post mit den Worten:

If Russian bots or Russian influence helped us amplify stuff, I don’t know how I feel about that. Maybe I feel the same way Donald Trump feels about the help.

Das, liebe Freunde, ist ein Zeugnis meisterhafter Manipulation. Oder, um eine Frage der TIME aufzugreifen:

Antwort: Yes. Das gilt auch für diesen Artikel. Diese ominöse Trollfabrik kann die Erfindung eines Teenagers aus Papua-Neuguinea sein, der über einen Proxy-Service unter einer russischen IP fleißig zwei Nationen gegeneinander aufhetzt. Bleibt verwirrt.

Im Rausch des Terrors – Wie Politiker mit Tragödien umgehen

in Browser Ballett by

Die Stunde der Rechtspopulisten schlägt stets nach Terroranschlägen und so dürfen wir vermuten, dass nach jedem Anschlag bei ganz bestimmten Parteien die Korken knallen. Früher hat man Ermittlungsergebnisse abgewartet, heute werden via Twitter Ermittlungsergebnisse Sekunden nach der Tat vorgeschlagen. Die einen nennen es Leichenfledderei, die andern Instinkt-Politik. Zu gerne wüssten wir, was in den Partei-Büros von AfD und Konsorten direkt nach einem Anschlag los ist. Ich habe da so eine Vermutung.

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