DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Mit diesem Team kriegt jeder einen Grimme-Preis – Ein Dank an die stillen Kollegen

in Browser Ballett by
Die schlimmste GEZ-Marionette von allen musste natürlich auch ihre Fresse in die Kamera halten. Daneben: Dunja Hayali (2.v.l.)

Branchen-Insider haben’s registriert: Am vergangenen Freitag durfte ich in den heiligen Hallen des Marler Theaters meinen ersten Grimme-Preis für das Browser Ballett aus den Händen Dunja Hayalis reißen. Besagte Insider werden ebenso registriert haben, dass ich da oben nicht allein stand.

Noch immer ranken sich viele Mythen um unsere Besetzung, was auch daran liegt, dass sich meine wichtigsten Partner mit einer Zurückhaltung strafen, die man sonst nur von nordkoreanischen Apparatschiks kennt. Aber ohne Euch wäre ich genauso unbekannt wie Ihr. Ich danke:

RAPHAEL SELTER

Mein Autor und Haus-Regisseur für die dicken Bretter ist mehr als meine rechte Hand, sondern Head of Qualitätskontrolle, der im kreativen Hintergrund mehr Fäden zieht als jeder Schönheits-Chirurg. Um bei der Metapher zu bleiben: Der Grund, warum unsere Clips so aussehen wie sie aussehen ist Raphael Selter himself. Er hat das Konzept “Großes Kino für kleine Bildschirme” geprägt und schafft es immer wieder aus deutschen Budgets einen Hauch von Hollywood zu kitzeln. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber im Zweifel vertraue ich Deiner und genieße den Fame. Hier geht’s zum Portfolio von Raphael Selter.

CHRISTINA SCHLAG

Frauen in der deutschen Comedy sind wie Winzer im Islamischen Staat. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht wie ein Irrer freue, dass Du meine Gags schreibst. Und formidabel Regie führst. Und fantastisch spielst. Du siehst Dinge zwischen den Dingen und bist mit Deiner Beobachtungsgabe die Mutter unserer Themenauswahl. Du verweigerst Dich aufs Erfrischendste dem Reflex, über Follower zum Erfolg zu kommen, weil Du nur eine Währung kennst: Ehrliche, harte Arbeit mit dem Ethos einer Trümmerfrau. Hier geht’s zum Portfolio von Christina Schlag.

Desweiteren danke ich meinen Autoren Jette und Tim dafür, jeden Tag die Ideenmaschine anzukurbeln und sich auch für die kreative Drecksarbeit nie zu schade zu sein. Ohne Euch würde gar nichts gehen. Genauso wenig ohne unsere 16V-BiTurbo-Produktionsstrecke (Laura, Hala, Isabell, Till), die es immer wieder schafft, in der Zeit zurückzureisen, um große Sets über Nacht aufzustellen. Faszinierend. Danke auch an Stefan, dem filigransten Cutter der westlichen Hemisphäre, der unsere Clips so oft schauen muss, bis er sie scheiße findet. Was ein tragischer Job. Ebenso danke ich unserem Art-Direktor-Regisseur-Motion-Design-Story-Taschenmesser Niklas sowie allen Freelance-Söldnern und den Darstellern, von denen viele schon zum Ensemble gehören. You know, who you are, Manfred. Damit der ganze Laden läuft, steht mit meinem Partner und Produzenten David Steinberger ein Hybridwesen aus Mensch und Zen-Garten am Steuer.

Hab ich von Harald Juhnke gelernt: Auf Fotos sieht man nicht, dass dich die anderen stützen

Am Ende gibt es in Deutschland viele geile Leute mit vielen geilen Ideen, die leider keiner sieht, weil Rundfunkanstalten traditionell, sagen wir mal, risikoavers sind. Wir hatten unfassbares Glück mit Florian Hager und Philipp Schild von funk sowie dem SWR, wo sie mit Programmbeschwerden für das Browser Ballett ganz Baden-Baden tapezieren könnten.

Und dann wäre da noch das Grimme-Institut als eine der letzten Institutionen zu nennen, die noch über eine ordentliche Fachjury zum Ergebnis kommen. Nicht über Verkaufszahlen, würdelose Follower-Votings, oder Promi-Vasallentum. Zu viele Preise gibt es nur noch, damit irgendein SUV unter allen Voting-Teilnehmern verlost werden kann, deshalb macht uns der Grimme-Preis besonders stolz. So.

Triumph des Wissens – Das schönste Nazibuch der Welt

in Literatur by

In den 20ern lernte ein junger Freelance Art Direktor in einer kleinen Wiener Werbeagentur alles, was es über erfolgreiche Kommunikation zu wissen gibt: Starkes Branding, einfach Botschaften, emotionale Zielgruppenansprache. Später wurde der Art Direktor der berühmteste Massenmörder aller Zeiten und selbst zur Marke. Adolf Hitler war Werber durch und durch und ich persönlich finde: Seine Ausbildung wird in den Geschichtsbüchern sträflich ignoriert. Denn Hitlers Faszination für Propaganda, was vor dem Dritten Reich ein ganz normaler Begriff im Werbe-Jargon war, wird unter uns Hobby-Historikern als wichtigster Baustein für seinen Aufstieg bewertet. Demnächst erscheint von Friedrich Tietjen ein ganzes Buch, das sich nur dem Barte des Tyrannen widmet, denn auch das war ein klug gewähltes Branding-Element, überhaupt muss man bei aller Kritik an den Nazis anerkennen, dass sie in Sachen Markenführung Maßstäbe gesetzt haben.

Die geschätzten Kollegen hinter Hooligans gegen Satzbau haben mit dem Buch Triumph des Wissens ein großartiges Werk am Markt, das auf der einen Seite Hass und Hetze aufs Korn nimmt, auf der anderen Seite bekommt der Connaisseur eine liebevolle visuelle sowie humorvolle Interpretation des vielleicht stärksten Brandings der Markengeschichte. Ein Buch, in dem nicht nur Militaria-Ultra Lemmy Kilmister gerne geblättert hätte. Dieses Buch gehört in jedes gut sortierte Bücherregal und wird unter Garantie das erste Buch sein, das Euer Besuch neugierig aus Eurer Bibliothek fischt. Klare Kaufempfehlung.

Uploadfilter hin oder her – Niemand sollte für Google auf die Straße gehen

in Wirtschaft by

Mich wundert gerade extrem, dass so viele Künstler in der Artikel13-Debatte ihre Fresse halten. Seit über 15 Jahren trocknet vor allem Google den Kunstmarkt aus, indem das Unternehmen Werke, in denen viel Arbeit steckt, gratis feilbietet. Aber nicht nur das: Google verdient mit geschützten Werken und dem Datenaufkommen rund um diese Werke ein Heidengeld und hätte locker die Mittel, Künstlern etwas zurückzugeben. Aber Google ist auch nicht blöd: Das Unternehmen erfindet den Begriff Uploadfilter und lügt, es sei die einzige Lösung, das Urheberrecht konsequent durchzusetzen. Nutzern wird damit charmant die Pistole auf die Brust gedrückt: Entweder, Ihr stimmt Eure Politiker um, oder ihr werdet nie wieder ein Meme hochladen können.

Versteht mich nicht falsch: Alles im Internet sollte gratis sein, jeder soll alles hochladen und remixen können. Gleichzeitig könnten Künstler trotzdem Geld verdienen. Die Rechnung ginge nur nicht an Max Mustermann aus Musterstadt, sondern an Google LLC in Mountain View – das LL steht pikanterweise für limited liability. Mir stellen sich dezent die Nackenhaare auf, wenn ich sehe, dass in der Artikel13-Debatte kaum eine Sau über die mafiöse Position von Google redet. Aber warum Wut mit Wut bekämpfen, wenn sich die Dinge erklären lassen:

Nehmen wir an, der fiktive Künstler Mustermucker 3000 hat ein Musikvideo am Start und irgendwer lädt es spiegelverkehrt und verfremdet auf Youtube hoch. Der Clip knackt die 5 Millionen Views, aber niemand außer Google verdient daran. Jeder Share, jeder Kommentar, jeder Ort, von dem aus das Video gesehen wird, erzeugt ein handelbares Datenfragment und darin sind die Werbeeinnahmen noch nicht eingerechnet. Der ganze Buzz, den das Video erzeugt, zahlt nur auf ein einziges Konto ein: Das von Google.

Google hat nicht den Text geschrieben, nicht den Song komponiert, nicht das Team für den Video-Dreh bezahlt, aber das Endprodukt landet hochwertig in 4K auf einem Google-Server. Das ist gesellschaftlich akzeptierter Diebstahl. Ich wäre sogar bereit das Ganze anders zu bewerten, wenn Google keinen Cent mit geschützten Werken verdiente und tatsächlich nur das Wissen der Welt demokratisiert, wie es immer so blumig heißt. Aber der scheiß Clip wird zu Geld gemacht. Punkt. Aus diesem Grund wird es nie im Leben einen Uploadfilter auf Youtube geben. Das wäre für Google ökonomisches Harakiri.

Ich garantiere Euch: In Mountain View beugen sie sich gerade ab vor Gelächter, wenn sie sehen, wie viele Menschen in Europa dafür auf die Straße gehen, dass Google weiterhin Künstlern ihre Werke klauen darf, um damit datengestützte Vorhersageprodukte für die Wirtschaft zu entwickeln.

Wie immer war die Kommunikation rund um die Neuregelung des Urheberrechts seitens der EU erbärmlich bis suizidal, aber im Kern ging es immer darum, nicht den normalen Leuten die Memes wegzunehmen, sondern endlich mal Konzernen auf die Füße zu treten, die sich mit der Leistung anderer dumm und dämlich verdienen.

Es wird immer viel darüber räsoniert, wie viel Macht Google wirklich hat. Menschen gehen gerade für die Interessen dieses Konzerns auf die Straße. Das ist schon jede Menge Macht. Ich spüre den Umnut über diese Einschätzung und schicke nach: Auch ich würde nie CDU/CSU wählen. Aber aus ganz anderen Gründen.

Ich erkenne mein Land nicht mehr wieder – André Voigt berichtet vom Stadionbesuch

in Politik by

Weil’s selten passiert, dass ich im Internet noch Herzrasen bekomme: Sportjournalist André Voigt war mit seiner Familie samt 2jähriger Tochter im Stadion beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien und fand sich in einer Real Life Filterblase wieder, in der offener Rassismus völlig normal war. Es war völlig normal, hinter einem 2jährigen Mädchen stehend “Neger” zu rufen, wann immer Sané am Ball war. Es war völlig normal, dass Voigt als Störenfried galt, als er das Gespräch mit seinen Blocknachbarn suchte. Es war völlig normal, dass Voigt mit seiner Meinung völlig allein da stand. Nicht in Chemnitz, sondern in Wolfsburg.

Üblicherweise ist es anständig, in solchen Fällen das zu tun, was Voigt getan hat: Bei Arschlöchern nicht weg hören, sondern ihnen zeigen, dass man anderer Meinung ist. Das macht auch nicht jeder. Aber wie brutal muss die Erfahrung sein, damit vor seinem Kind krachend aufzulaufen?

Wir können jetzt wieder mit 3 Millionen Teilnehmern eine Unteilbar-Demo veranstalten und uns gegenseitig beklatschen. Effektiver ist dieses Mal aber tatsächlich eine Aktion, die jeder bequem von zu Hause aus tätigen kann. Wir sollten dieses Video so hartnäckig teilen, dass es irgendwie aus unserer Filterblase platzt.

Denn André Voigt steht nicht im Verdacht, eine linker Medien-Guerilla zu sein. Er ist kein öffentlich-rechtlicher Betroffenheitsjournalist, der für Aufmerksamkeit jeden anschwärzt, der anders denkt und sich jeden Tag auf die eigene Tugendhaftigkeit einen runterholt. André Voigt hat keine Agenda. Er ist einfach nur ein ganz normaler Vater, der sein Land nicht mehr wiedererkennt.

Trauriges Update:

Frauen sind Straßenfußballer – So versteht jeder Mann die Vorteile von Geschlechtergerechtigkeit

in Sport by

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist eine Idee, die alles besser macht. Und zwar für alle. Besonders für Männer. Aber weil der Mensch dazu neigt, Veränderung automatisch mit Verlust gleichzusetzen, sind viele Herren skeptisch und werden dafür zunächst öffentlich beschimpft. Beschimpfungen gelten zwar als zeitgemäßer Weg, für Verständnis zu werben, aber manchmal hilft es auch, Dinge ganz schnöde zu erklären. Zu diesem Behufe habe ich mir ein Beispiel aus dem Fußball geborgt, das mich persönlich schon immer in meiner tiefsten Überzeugung bestätigt hat, dass kluge (ist nicht umsonst gefettet) Gleichstellungsregeln des Beste ist, was Männlein wie Weiblein passieren kann. Viel Spaß damit:

Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch

Wenn wir früher in Bremen-Nord nach der Schule Fußball gespielt haben, sind die Teams zunächst auf Klüngel-Ebene entstanden. Auf der einen Seite waren 11 Jungs, von denen sich die meisten aus dem Fußballverein kennen, die anderen 11 waren Straßenkicker. Nach kurzer Zeit lagen die Straßenkicker 6:0 zurück. Das waren zwar alles gute Fußballer, aber sie hatten keine Chance gegen Vereinsspieler, die sich schon seit der F-Jugend kennen, gezielt gefördert wurden und ihre Qualität auch den Erfahrungen der Ü60-Herrenmannschaft zu verdanken haben. Nach dem 7:0 waren alle gelangweilt, weil ein gutes Fußballspiel 2:1 ausgeht und nicht 16:0. Die Mannschaftsaufteilung hatte für keinen einen Wert, also haben die Vereinsspieler gesagt: Ihr kriegt 3 von uns und wir kriegen 3 von Euch. Das war keine Geste der Solidarität, auf die man sich via Twitter einen runtergeholt hat. Erstens gab es noch kein Twitter, zweitens haben wir die Teams umgestellt, weil es vorher einfach keinen Spaß gemacht.

Gewinnen muss Spaß machen

Wer aus den Reihen der Vereinsspieler das 7:0 erzielt hat, der ist ohne ein Lächeln auf dem Gesicht zurück in die eigene Hälfte getrabt. Dieses Tor bzw. dieser Erfolg hatte für ihn so gut wie keinen Wert. Nach der Neuaufteilung der Teams, haben wir wieder bei 0:0 angefangen und das Spiel wurde erwartungsgemäß ein gutes Spiel. Die Vereinsspieler mit den 3 Straßenkickern haben kurz vor Schluss das Siegtor erzielt. Sie haben sich zur Jubeltraube versammelt und waren stolz auf ihre Leistung. Weil das Spiel so eng war, hat jeder sein Bestes gegeben und für sein individuelles Spiel Erfahrungen gesammelt, die ihm zu einem besseren Fußballer gemacht haben. Die Regelung „Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.“ war für alle Beteiligten ein Gewinn.

Der Vorteil des Vereinsspielers

Vielleicht sollten wir Geschlechtergerechtigkeit zur Abwechslung mal so betrachten: Männer sind Vereinsspieler, Frauen sind Straßenkicker. Die einen verdanken ihren Vorteil dem Club und seinen Strukturen sowie den Club-Erfahrungen der Vergangenheit, die schon gesammelt wurden, als die aktuellen Vereinsspieler noch gar nicht geboren waren. Die anderen sind individuell vielleicht Weltklasse, aber ohne eine gerechte Mannschaftsaufteilung würde das Straßenkicker-Team jedes Spiel verlieren. Ideen wie Frauenquoten sind im Kern nichts anderes als „Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.“

Vielleicht spielst Du einfach nur scheiße

Wer aus den Reihen der Vereinsspieler beim Stand von 7:0 gegen neue Mannschaften protestiert hätte, den hätten alle anderen nach Hause geschickt. Es gibt beim Fußball nur einen Grund, gegen „Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.“ zu sein: Wenn man selbst ein beschissener Fußballspieler ist, obwohl man im Verein spielt. Dann hat man verständlicherweise Angst vor ausgeglichenen Mannschaften. Denn dann steigt das Niveau des Spiels und jeder kann sehen, dass Du scheiße spielst. Schaut Euch mal um. Man sieht fast nie, dass ein Mann, der hart arbeitet und seinen Job auf höchstem Niveau macht, die Augen über Gleichstellungsdebatten verdreht. Das machen in der Regel nur die Graupen, die sich hinter den Guten verstecken. Ein guter Spieler sieht vielmehr überhaupt keinen Sinn darin, für ein Spiel auf den Platz zu gehen, von dem er ausgehen kann, dass seine Mannschaft mit 14:0 gewinnen wird. Aus eigenem Interesse wird er vorschlagen: Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.

Danke für die Aufmerksamkeit

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