DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Facebook ist schlagbar – Fehlt nur noch der Verein

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Eifrige Leser dieser Seite kennen meine Paranoia, derer nach Social Media – zumindest in der aktuellen Form – die Errungenschaften der Zivilisation und vor allem der Menschlichkeit dramatisch zurück schraubt. Überall auf der Welt verhärten soziale Netzwerke die Fronten, weil Extrempositionen besser klicken, Zwischentöne schaffen es immer seltener durch die Filter. Wir beklagen die Symptome, können die Wurzeln dafür aber immer noch nicht richtig greifen. Zum Glück gibt’s immer mehr Menschen, denen die unregulierten Manipulations-Maschinen des Silicon Valley auf den Sack gehen, wobei oft in Vergessenheit, dass das Internet von der Sache her die geilste Erfindung aller Zeiten ist. Momentan fühlt es sich so an, als befände sich das Netz am Scheideweg: Entweder wird es ein Werkzeug für wenige Mächtige, die sich damit mehr oder weniger die Welt unter den Nagel reißen. Es kann aber auch mit genügend Gegenwehr gegenüber besagten Mächtigen zurück zum Ursprungsgedanken kommen: Ein Ort, der Menschen zusammenbringt. Das klingt jetzt vielleicht etwas pastoral, aber die positive Energie gab es ja mal. Erst die manipulativen Algorithmen, die aus Usern Datenkühe machen, haben die Stimmung vergiftet und ganze Gesellschaften gespalten.

Was will der Autor eigentlich sagen? Ich habe meine Mission und meine Kritikpunkte, aber ich muss auch morgens zur Arbeit. Ich muss wahnsinnig viele Veranstaltungen zum Thema absagen und ich schwöre: Es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich zum Beispiel nicht zu einer Projektwoche nach Leonberg kommen kann, bei der Schüler über die Schattenseiten der Digitalisierung reden wollen. Ich suche daher Leute bzw. Mitstreiter, die ebenso wenig wie ich mit dem Datenkapitalismus und seinen Konsequenzen warm werden. Ich kann als Maskottchen gerne meine Reichweite anbieten und zur Not auch ein Kostüm tragen, aber ich weiß ja nicht mal wie man einen Verein gründet. Außerdem bin ich kein Experte im akademischen Sinn. Ich würde mich wahnsinnig über Leute freuen, die einen konkreten Plan zum Beispiel über Entscheidungs- und Verhaltenspsychologie mitbringen. Ich komme mir einigermaßen blöd dabei vor, auf Veranstaltungen Studien zu zitieren, bei denen ich selbst nicht beteiligt war. Genauso verstehe ich, dass die Leute skeptisch sind, wenn ein gelernter Comedy-Autor plötzlich über Neurowissenschaften faselt – und dann sind die Gags auch noch scheiße.

Mein Hauptjob ist immer noch Unterhaltung, was mir mal besser und mal schlechter gelingt. Aber ich habe auch zwei Kinder, denen ich vieles, was aktuell die Politik, die Medien und den Umgang untereinander kennzeichnet, ersparen möchte. Ich will nicht, dass die Blagen eines Tages wie die Vollidioten rumhaten, weil sie sich davon Likes versprechen. Ich will nicht, dass sie in einem Angst-Europa groß werden, in dem man vergessen hat, dass dieses oft seltsame Konstrukt namens EU immer noch ein Friedensprojekt ist. Ich will nicht, dass sie sich normieren lassen, vor allem will ich nicht, dass ihr freier Wille von adaptiven Algorithmen überschrieben wird, die nur das Ziel haben, ihre Interaktionsbereitschaft auf ein Maximum zu prügeln.

So viel zum Pathos, zurück zur Idee: Ich hatte in letzter Zeit viele Gespräche mit Gleichgesinnten und immer wieder waren wir der Meinung, dass es aktuell vor allem an Aufklärung mangelt. Man kann schließlich erst kritisieren, was man versteht. Und da haben wir aktuell das Problem, dass viele, die dem Vernehmen nach im Bildungsauftrag handeln, nicht mehr so wirklich am Puls der Zeit sind. Halbwegs organisiert kann man hingegen Geld sammeln und Medienkooperationen eintüten, Informationskampagnen fahren, Studien fördern und am Ende auch die Politik unter Druck setzen. Ein Verein oder eine Organisation verspricht ferner allein über die Mitgliederzahl ein gewisses öffentliches Interesse.

Ich weiß nicht, ob wir 5 werden oder 50. Ich weiß nur, dass ich große Lust darauf hätte, Teil eines Teams zu sein, in dem sich jeder mit der Zeit, die ihm oder ihr zur Verfügung steht, diesen ekelhaften Silicon-Valley-Kaspern in den Weg stellt. Natürlich ist das größenwahnsinnig, aber anders macht es ja auch keinen Spaß.

Long story short: Es steht noch gar nichts: Kein Name, keine Organisationsform, keine Mitglieder. Aber ich bin mir sicher, mit meinem Anliegen nicht allein zu sein. Wer ähnlich denkt, schreibt mir einfach an schlecky@steinbergersilberstein.com – und dann schaun’ mer mal, was mit gebündelter Energie möglich ist. Und wenn es nur für das Gefühl ist, nicht doof und tatenlos rumzustehen, während sich die Welt zum Schlechten verändert.

Was wollt Ihr machen? Mich rauswerfen? Mesut Özil macht alles richtig

in Bossmove/Sport by

Tja, Herr Grindel. Das nennt man Eier. Jeden Tag habe ich nach dem Südkorea-Spiel zum Fußballgott gebetet: Bitte lass Mesut Özil keine vorgefertigte Zwangs-PR-Scheiße a la “Sollte ich die Fans enttäuscht haben, tut es mir leid…” in den Äther schicken. Stattdessen hat er reagiert wie eine Legende. Ein Hauch von Cantona wehte heute durch Özils dreiteilige Klarstellung, was mir als Freund des gepflegten Dramas besonders gefällt ist die Tatsache, dass der amtierende DFB-Präsident den üblichen PR-Gesetzmäßigkeiten nach noch dieses Jahr seinen Job verlieren wird. Oh und natürlich wollen viele wissen, Özil habe es an Stil vermissen lassen. Ja und? Dann hat er sich eben jede Chance auf die EU-Ratspräsidentschaft verbaut. Viel dankbarer bin ich für einen Blick hinter die Kulissen, die uns auf den zweiten Blick mehr über Deutschland verraten, als jedes Zeit-Dossier:

Rechte Interessenvertreter haben längst einen immensen Einfluss auf Medien, Sponsoren und sogar gemeinnützige Organisationen. Özil hatte genug Stil, BILD und Mercedes nicht beim Namen zu nennen, Fakt ist: Die BILD hat mit ihrer Anti-Özil-Kampagne bei ihrer Stammklientel wieder Boden gut gemacht, der ihr bei ihrem Refugees-Welcome-Fauxpax unterm Arsch weggerutscht ist. Und irgendwo bei Mercedes wird man die Personalie Özil als toxisch eingestuft haben, sonst hätte man sein Gesicht wohl kaum aus den Werbematerialien gestrichen.

Man darf bei alledem nicht vergessen, was der Auslöser war: Ein verkacktes Foto mit Erdogan. Wenn Özil absagt, steht die Türkei Kopf, wenn er tut, was er getan hat, passiert, was passiert ist. Das schlimmste Phänomen dieser Tage ist diese hysterische Politisierung von allem. Und da stehen sich links und rechts in nichts nach. Jeder Affe hat das Foto für seine Agenda instrumentalisiert und plötzlich passiert, was eigentlich immer zurecht verboten war: Sport und Politik vermischen sich. BILD titelt unterdessen “Jammer-Özil” und schiebt nach “Özil schwelgt in seiner Opferrolle”. Stark! Wir dürfen nicht vergessen: Bei der BILD ging es nie um Haltung, sondern um Stimmungen. Mit dem Jammer-Migranten im Subtext trifft man zur Stunde voll ins Schwarze.

Während Medien und Sponsoren aus ökonomischen Gründen immer sensibel für Stimmungen sein müssen, geht’s in einem Verband wie dem DFB allein um den sportlichen Erfolg. Und da darf sich ein Präsident Grindel fragen lassen: Warum zur Hölle schützt man einen Weltmeister nicht? Ein Weltmeister hat dem DFB heilig zu sein. Nach dem Südkorea-Spiel haben irgendwelche hirngewaschenen Einzeller einem Weltmeister des DFB “Scheiß-Türke” auf dem Weg in die Kabine hinterher gerufen und Grindel fällt nichts Besseres ein, als von Özil einen Entschuldigung für ein Foto zu fordern. Wenn der Mann Politik machen will, dann soll er sich einer Partei anschließen. Im Übrigen darf bezweifelt werden, dass alle jene, die Özil die letzten Wochen über beschimpft haben, ihre Argumentation über die vermeintliche Wahlhilfe für einen Diktator hergeleitet haben. Und trotzdem wäre ein Quäntchen Selbstkritik angebracht gewesen: Özils Zweikampfführung gegen Mexiko war ein Witz.

Hier noch ein schöner Gesang aus dem Arsenal-Fanlager, wo man Fußballer noch als Fußballer feiert. Lass Dich nicht verhärten, Mesut.

We’ve got Ozil. Mesut Ozil. I just don’t think you understand. He’s Arsene Wenger’s man. He’s better than Zidane.

Die Welt muss brennen – Zuckerberg sagt Kampf gegen Fake News ab

in What The Fuck by

Über das Interview wird man in Geschichtsbüchern später häufiger reden: Mark Zuckerberg hat seinen Plan im Kampf gegen Fake News mit der Tech Journalistin Kara Swisher geteilt. Und der sieht so aus: Sollte mit der Verbreitung von Fake News ein klarer Aufruf zur Gewalt einhergehen, wird Facebook den Inhalt umgehend löschen. Ansonsten gilt weiterhin die Meinungsfreiheit, die auch dann geschützt ist, wenn Unwahrheiten verbreitet werden. Oder ums ganz klar zu machen: Facebook unternimmt nichts, solange nicht zu Gewalttaten aufgerufen wird.

Lasst mich in diesem Zusammenhang einen Blick nach Indien richten: Dort sorgt eine Fake News Welle seit Anfang des Jahres für unzählige Lynch-Morde an Unschuldigen, weil immer wieder über WhatsApp Gerüchte viral gehen, denen nach als Bettler verkleidete Organhändler im großen Stil Kinder kidnappen. Die indische Regierung musste allein dieses Jahr 65 Mal das Internet abschalten, um Schlimmeres zu verhindern. Hier verlieren Menschen ihr Leben ohne einen direkten Mordaufruf, die Behauptung von angeblichen Entführungen reichte vor zwei Wochen völlig aus, dass ein junger Mann in Karnataka von einem 2000-Mann-starken Mob gejagt und zu Tode geprügelt wurde. Menschen brauchen selbstverständlich keinen direkten Handlungsaufruf zur Gewaltanwendung, um über infame Propaganda genau zu diesem Mittel zu greifen.

Den 700.000 Rohingya, die in der Folge von Fake News aus Myanmar flüchten mussten, wurden ebenso selten direkte Gewalt angedroht. Die Unterstellung, sie würden mordend und vergewaltigend durchs Land ziehen, reichte völlig aus. Mittlerweile bestätigen sogar UN-Ermittler, dass der Schlüssel zu Eskalation der Gewalt in Myanmar Facebook-Propaganda war. Oder wie UN-Sonderberichterstatterin Yanghee Lee sagt: Facebook has turned into a beast in Myanmar.

Als Zuckerberg ganz kurz zweifelte

Vielleicht erinnern sich noch einige an den Januar 2018. Ein geläuterter oder betrunkener Mark Zuckerberg kündigte an, Fake News den Kampf anzusagen. Dazu dachte er laut darüber nach Facebook wieder zu einem Ort der Privat-Kontakte zu machen und die Reichweite von Nachrichtenangeboten und Fanpages zu Gunsten von Facebook-Freunden zu drosseln.

Am nächsten Tag war er 3,3 Milliarden (!) Dollar ärmer, weil die Börse sofort reagiert hatte. Weil das Nutzerwachstum in den Industrienationen langsam die Stagnationsphase erreicht, liegt der neue Business-Fokus schon länger in Südostasien und Afrika. Und Fake News gehören leider in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern zum interaktionsstärksten Content.

Hass ist keine Meinung

Es wäre natürlich grob zynisch, in ausgewählten Ländern gegen Fake News vorzugehen, deshalb – und der Einfachheit halber – gelten für die ganze Welt im Wesentlichen die gleichen Community Richtlinien. Ich bezweifle offen gesagt, dass Mark Zuckerberg überhaupt weiß, dass Myanmar bis 2011 von einer Militärdiktatur regiert wurde. In Ermangelung einer freien Presse galten dort Gerüchte jahrzehntelang als glaubwürdiger als die Lügen der Staatsmedien. Oder anders gesagt: Es wäre ratsam, sich mit kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen, bevor man ganzen Gesellschaften die soziale Atombombe Facebook ins Land pfeffert.

It gets worse

Zusammenfassend lernen wir: Facebook selbst wird Fake News laufen lassen, weil sie ein geniales Fangnetz für maximales Engagement und damit Nutzerdaten sind. Damit erklärt Zuckerberg jetzt auch offiziell die Propaganda-Ära für eröffnet und sagt durch die Blume: Freut Euch auf noch mehr Konflikte und noch mehr Fluchtursachen, wer clever ist, sichert sich Anteile.

Das perfekte Selfie – Ein Instagram-Sternchen am Limit

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Es ist seit Jahren das Urlaubsphänomen schlechthin: Menschen stehen an einzigartigen Locations und opfern diesen Moment dem eigenen Perfektionismus, dem nach ein nicht wiederholbares Selfie perfekt sein muss. Dabei weiß jeder: Je beiläufiger und spontaner ein Schuss für die Peergroup wirken soll, desto mehr Blut, Schweiß und Tränen stecken drin. Instagram-Sternchen Nina ist auf diesem Wege in einem ewigen Loop geraten, aus dem es kein Ausweg gibt. Seit über einen Jahr arbeitet sie an den 100 Prozent und will nicht verstehen, dass es echte Perfektion nicht gibt. Und daran sind schon viele Künstler zerbrochen.

Mein Held der WM 2018: Gary Lineker

in Sport by

Und Fußballer haben doch Humor. Der ehemalige englische Nationalspieler gehörte in den letzten Wochen in jeden gut sortierten Twitter-Feed. Elegant wie es nur Engländer können überführt er unsere Aufmerksamkeit vom WM-Fieber zurück in den harten politischen Alltag. Thank you und bis zur EM 2020.

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