DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Eure religiösen Symbole verletzen meine intellektuellen Gefühle

in Religion by

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enn ich demnächst in Passau ein Auto ummelden möchte und an der Wand ein Kruzifix sehe, kann ich als Atheist das tun, was wir bislang immer getan haben: Ignorieren, tolerieren. Aber irgendwie habe ich darauf langsam keinen Bock mehr. Warum hat eigentlich niemand Respekt vor unseren Gefühlen? Nur weil wir Atheisten nie im Namen eines Fantasy-Characters Menschen umbringen, sind unsere Gefühle offenbar weniger wert, als die von Glaubensgemeinschaften mit einem stattlichen Body Count. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich als Mensch, der nur an den Menschen glaubt, Gehör zu verschaffen. Natürlich ohne Blutvergießen, so will es schließlich unsere Ideologie. Atheisten handeln im Namen des Friedens und der Freiheit. Das sind doch Werte, die man gerne etwas lauter verteidigen kann. Aber die Atheisten-Lobby ist klein. Wir haben die Kirche des fliegenden Spaghettimonsters, einen einflussreichen Atheisten-Verband sucht man vergeblich. Der Grund ist dieses widersinnige Denk-Diktat, Respekt vor religiösen Gefühlen haben zu müssen. Was zur Hölle ist ein religiöses Gefühl? Es ist das Festhalten an längst widerlegten Welt-Erklärungsmodellen, welche vor dem Zeitalter der Aufklärung für die Macht der Kirchen und Monarchien missbraucht wurden. Religion ist ein faszinierendes Phänomen, das zwar Milliarden Menschen das Leben gekostet, aber auch Millionen Menschen Halt gegeben hat. Anthropologen dürfen das noch lange weiter erforschen, jenseits von Museen und Mittelaltermärkten will ich aber mit Religion nicht mehr viel zu tun haben. Ich will das zumindest laut denken dürfen, ohne als unsensibel oder gar politisch unkorrekt zu gelten.

Religion ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Wir sollten den Liverollenspielern in unserer Gesellschaft höflich aber bestimmt erklären, dass wir lange genug Rücksicht auf ihre fabelhafte Fantasiewelt genommen haben. Denn anders als bärtige System-Administratoren, die mit Gummiwaffen auf alten Militär-Übungsplätzen im Wendland aufeinander losgehen, zahlt bei der Ausübung einer Religion nicht der Fan, sondern alle. Dass die Kirchensteuer in Deutschland für jeden getauften Menschen automatisch erhoben wird, ist eine Frechheit, die Sicherheitsmaßnahmen gegen islamistischen Terror zahlen sogar Heiden. Aber noch immer gilt als brüsk, wer sich offen gegen jede Form von Religion ausspricht. Der Fehler liegt in der angeblichen Trennung von Kirche und Politik, denn Religion IST Politik – für diese Erkenntnis müssen wir Markus Pius Söder dankbar sein. Über die religiöse Identität seiner Bevölkerung hat noch jeder Machthaber einen Freifahrschein selbst für Völkermord bekommen, um sich selbst zu bereichern. Wer den gleichen Trick über die nationale Identität anwendet, geht zurecht als Arschloch in die Geschichte ein. Deshalb dürfen wir das Gräuel unter dem Hakenkreuz nicht vergessen, das Gräuel unter dem Kruzifix schon. Dass wir immer noch so viel Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Religionsgemeinschaften nehmen, sollte Beleg genug dafür sein, sich als Gesellschaft nicht auf den ersten Metern des Informationszeitalters, sondern auf den letzten des Mittelalters zu befinden. In Bayern laufen sie gerade sogar rückwärts.

Religion muss vollwertige Privatsache werden

Ich lebe in einer Welt, die voller Verehrung für die Massenmorde ihrer Vorfahren ist. Überall stoße ich auf Kreuze, Kopftücher, Kirchen und Moscheen und wenn ich darüber den Kopf schüttele, wird mir auch noch die Fähigkeit zur Toleranz abgesprochen. Dabei haben wir als Menschheit doch schon längst den Ursprung des Lebens und die Zusammensetzung der Dinge bis aufs kleinste Einzelteil erklärt. Wir müssen den Glauben nicht verbieten, Gott bewahre, wir sollten Gläubige nur wie alle anderen Liverollenspieler behandeln. Der Kult muss 100prozentige Privatsache sein und darf als solche auch 100prozentig ausgelebt werden, solange dabei unsere Gesetze eingehalten werden. Aber mit der staatlichen Subventionierung muss genauso Schluss sein wie mit dem beleidigt sein. Und wer als Politiker durchsetzen will, dass Kreuze, Halbmonde, oder Schrumpfköpfe in unsere Bezirksämter genagelt werden, der gehört unverzügliche des Amtes enthoben, weil er augenscheinlich nicht den Hauch einer Ahnung von den aktuellen und konkreten Herausforderungen der Welt hat: KI-Sicherheit, die Neuorganisation einer automatisierten Arbeitswelt, die Regulierung des Datenkapitalismus, um nur drei Begriffe zu nennen, von denen ein CSU-Politiker noch nie gehört hat. Nicht nur deshalb ist es langsam an der Zeit, sich offen verletzt zu geben. Die Intelligenz eines Menschen zu beleidigen muss mindestens so schwer wiegen wie die Beleidigung seiner Mutter.

 

Wie man Jesus hätte töten sollen

in Wahrheiten by

Es hat mehr Opfer gefordert als alle Weltkriege zusammen, aber als PR-Instrument war es schon immer göttlich: Das Christentum wird wie alle Religionen immer dann ausgepackt, wenn einem politisch nichts mehr einfällt. Jetzt hat Markus Söder die Wildcard gezogen. Ich gratuliere, halte es aber trotzdem mit dem geschätzten Peter Breuer.

Am Shitstorm teilnehmen – Ein multipler Orgasmus für das Gehirn

in Bildung by

Vor knapp einem Monat saß ich mit gestandenen Comedy Autoren beisammen und wir diskutierten einen Sketch, in dem ein Gangster-Rapper zum Rücktritt gedrängt wurde, weil unterschiedliche Frauen- und Opferverbände in seinen Texten ein zweifelhaftes Menschenbild registrierten. Am Ende sah sich sein Label dazu veranlasst, seinen Plattenvertrag zu kündigen und versicherte in einer Pressemitteilung, man sei betroffen und sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Letzte Woche wurde diese Satire real: BMG stoppte bekanntermaßen die Zusammenarbeit mit Kollegah und Farid Bang aufgrund antisemitischer Texte. Das ist natürlich völliger Schwachsinn. Wer das Phänomen des Antisemitismus dazu missbraucht, um sich als Organisation, als Marke, oder längst vergessene Einzelperson zu profilieren, der gehört eigentlich geshitstormt.

Aber warum lassen wir uns eigentlich dazu hinreißen, infamste Unterstellungen an unserem Menschenverstand vorbei zu glauben und an der Welle der Empörung sogar aktiv teilzunehmen? Weil es uns neurologisch gesehen auf so vielen Ebenen gleichzeitig glücklich macht, dass man die Teilnahme an einem Shitstorm schon als gesundheitsfördernd einstufen könnte. Der Journalist Ron Jonson lieferte bereits 2015 mit seinem Buch So You’ve Been Publicly Shamed ein Basiswerk für das Verständnis von Shitstorms in vernetzten Gesellschaften, ich selbst habe mich 2017 zur Buch-Recherche durch unterschiedliche Studien zum Thema Social-Media-Dynamiken gewühlt und erlaube mir, hier in aller Knappheit die einzelnen psychologischen Hebel zu präsentieren, die uns beim Ankacken anderer so oft das Gefühl vermitteln, als würden wir fliegen. Vorweg schicke ich einen Gedanken der Präsidenten-Gattin Eleanor Roosevelt in den Ring:

Great minds discuss ideas; average minds discuss events; small minds discuss people.

Eleanor Roosevelt kannte keine sozialen Medien und würde den Satz heute wahrscheinlich anders formulieren. Ist man denn automatisch dumm, wenn man doch nur glücklich sein möchte? Hier im Einzelnen die wichtigsten Effekte, die uns so gerne zur öffentlichen Raserei bringen:

Das Scheitern Dritter sorgt für eine Aktivierung im Belohnungszentrum, was umso tragischer ist, als wir für diese Form von Dopamin-Ausstoß selbst gar nicht oder kaum aktiv werden müssen. Dabei gilt: Je erfolgreicher die scheiternde Person im Vergleich zu uns, desto intensiver das Glücksgefühl. Nun kann man dieses Gefühl für sich im Stillen genießen, dann gäbe es keine Shitstorms. Aber leider führt die aktive öffentliche Kritik zu einem weiteren Wohlfühl-Impuls, weil es uns die seltene Gelegenheit gibt, uns mit erfolgreichen Personen ins Verhältnis zu setzen. Izthak Fried von der University of California belegte 2016 zudem, dass wir ein Glücksgefühl beim Scheitern anderer auch deshalb erleben, weil der Schaden eines Dritten automatisch als Lernerfolg für uns selbst verbucht wird. Im Falle von Kollegah und Farid Bang haben wir alle gelernt, dass provokative Punchlines ohne antisemitischen Kontext dennoch als Antisemitismus bestraft werden. Die Rapper wurden öffentlich angeprangert, wir anderen haben für den gleichen Lerneffekt keinen Schaden genommen. Da kann man sich schon mal gut fühlen.

Gruppen machen glücklich. Ob wir gemeinsam im Stadion den Schiri auspfeiffen, oder Rappern Antisemitismus vorwerfen, in beiden Fällen nehmen wir an einer Gemeinschaftserfahrung teil. Niemand ist gern mit seiner Meinung allein, überhaupt ist niemand gern allein. Um der Einsamkeit zu enfliehen, nehmen Menschen sogar Meinungen an, die nicht originär ihre eigenen sind. Unter dieses Gefühl lassen sich unterschiedliche Effekte subsumieren. So schließen wir uns im Rahmen des Bandwagon-Effects gerne Mehrheitsmeinungen an, um hinterher nicht als Verlierer der Geschichte dazustehen. Aus diesem Grund wählen Menschen tendenziell Parteien mit guten Umfragewerten. Wissenschaftler von der Nottingham Trent University unterstellten der Identifikation mit Gruppenwerten einen Anstieg der individuellen Zufriedenheit um 9 Prozent. Dabei reicht laut Studienleiterin Juliet Wakefield zum Glücklichsein schon die lose Identifikation: It’s that subjective sense of belonging that’s crucial for happiness.

Was immer wieder falsch verstanden wird, ist die Frage nach dem Adressaten einer über soziale Medien geübten Kritik. Wer Farid Bang und dem Boss Antisemitismus hinterhergetweetet hat, kommunizierte nicht mit den Rappern. Die sind lediglich Objekt der Kritik. Adressat ist immer das Interaktions-Vieh in der eigenen Peergroup, also die Menschen, die unsere Kritik-Note teilen und kommentieren sollen: Freunde und Follower. Die Erwartung eines Tweets gegen Kollegah, Farid oder die ECHO-Verantwortlichen besteht nicht darin, dass diese ihr Verhalten ändern, die Erwartung besteht in der persönlichen Bestätigung durch Likes, Retweets und Kommentare durch unsere Peergroup. Das sorgt für die süße körpereigene Droge Dopamin, die immer dann freigesetzt wird, wenn wir uns auf positive soziale Bestätigung freuen. Kurz: Es geht oft um uns und selten um den “-ismus”.

Der berühmte Spruch “Die Wiederholung einer Unwahrheit macht sie nicht wahrer” hält leider Studien nicht stand. Im April 2017 belegten Wissenschaftler der Yale Universität, dass wir dazu neigen Behauptungen zu glauben, je häufiger wir sie hören. Das ganze funktioniert wie ein Cookie fürs Gehirn. Damit Informationen nicht immer wieder neu komplett geladen werden müssen, speichert das Gehirn wiederkehrende Informationen unbewusst ab. Dabei ist dem Gehirn egal, ob es sich um Falschinformationen handelt. Der “Hab-ich-schon-mal-gehört-Effekt” produziert gefühlte Wahrheiten mit jeder Wiederholung. Im Shitstorm wird die Behauptung “Kollegah und Farid Bang sind Antisemiten” so oft in kurzer Zeit wiederholt, dass unser Gehirn enorme Anstrengungen unternehmen muss, die Behauptung in Frage zu stellen. “Bei mir nicht!” ist kein Argument. Eine der Hauptaufgaben des Gehirns besteht darin, Energie zu sparen. Dazu gehören auch schnelle Schlüsse und das unbewusste Vertrauen in Wiederholungen. Die Evolution hat leider nicht vorhergesehen, dass wir eines Tages über weltumfassende Kommunikations-Netze verfügen, mit denen wir Lügen schnell und gratis vervielfältigen können. Die Katze beißt sich ab dem Zeitpunkt in den Schwanz, ab dem wir der festen Überzeugung sind, zwei Rapper als Antisemiten entlarvt zu haben. Denn dann greift das Phänomen des Bestätigungsfehlers (Confirmation Bias), der unsere ganz natürliche Neigung beschreibt, Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese unsere eigenen Erwartungen erfüllen. Auch das spart Energie.

Der aufmerksame Leser wird verstanden haben, dass es mir nicht um die Reinwaschung zweier Berufsprovokateure geht, sondern um die vielen kleinen Faktoren, die uns immer wieder zu diesem unwürdigen Wutmob machen. Es ist völlig menschlich, sich ab an einfachen gehen zu lassen, aber es macht einen nicht dümmer, die Psychologie dahinter zu verstehen. Warum Wut durch das Internet immer mehr zu einer Emotion wird, die wir mit der Erwartung auf ein Glücksgefühl verknüpfen, würde hier den Rahmen sprengen, kann aber in bei Interesse in meinem Buch nachgelesen werden. Aber lauscht mal testweise in Euch rein, was Ihr fühlen würdet, wenn sich Dieter Bohlen morgen outete: Ja, ich habe alle meine Hits geklaut.

Memminger Beetle Roadster 2.7 – So könnte der Käfer heute aussehen

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Das Verbrechen namens New Beetle sieht man heute zum Glück fast gar nicht mehr auf deutschen Straße, weil es eine kurzatmige Vergewaltigung an einem Klassiker war. Wie wunderschön der ursprüngliche Käfer ist, merkt man immer dann, wenn man an einem vorbei läuft und bei gepflegten Modellen sogar stehen bleibt. Die Leute von Memminger machen das, was VW aus Kostengründen nicht tut: Sie retten Käfer und bauen alles neu auf, was noch nicht komplett vergammelt ist. Wem heute noch nicht das Herz aus der Fassung gehüpft ist, der kann sich gerne hier die fein restaurierten Karossen geben. Und doch hat Schorsch und Georg Memminger schon immer die Frage gequält: Wie würde bzw. müsste der Käfer bei konsequenter Modellpflege heute aussehen. Die Antwort haben sie aus vielen Original-Teilen selbst gebaut und wenn VW nicht andere Sorgen hätte, müsste man sich in Wolfsburg dafür schämen, dass ein Familienbetrieb aus dem oberbayerischen Reichertshofen den Käfer besser versteht als die Herstellerfirma. So nämlich:


via autoblog

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