DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Im Rausch des Terrors – Wie Politiker mit Tragödien umgehen

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Die Stunde der Rechtspopulisten schlägt stets nach Terroranschlägen und so dürfen wir vermuten, dass nach jedem Anschlag bei ganz bestimmten Parteien die Korken knallen. Früher hat man Ermittlungsergebnisse abgewartet, heute werden via Twitter Ermittlungsergebnisse Sekunden nach der Tat vorgeschlagen. Die einen nennen es Leichenfledderei, die andern Instinkt-Politik. Zu gerne wüssten wir, was in den Partei-Büros von AfD und Konsorten direkt nach einem Anschlag los ist. Ich habe da so eine Vermutung.

Smartphone-Verbot an Schulen – Aus den falschen Gründen richtig

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Das Smartphone-Verbot an Frankreichs Schulen ist beschlossen, die Debatte darum ist extrem spannend. Überraschenderweise lautet der Tenor in deutschen Medien: Rückwärtsgewandt! Realitätsfern! Fortschrittsfeindlich! So sollten Smartphones als digitale Lehrmittel verstanden werden, um einen zeitgemäßen Unterricht zu gewährleisten. Die Befürworter des Verbots argumentieren: Die scheiß Daddelkisten weichen die Gehirne der Kinder auf und lenken sie zu sehr vom Unterricht ab. Es ist im Zeitalter der Extrempositionen unerträglich, aber beide haben Recht. Bildschirme gehören in den modernen Unterricht, aber es sollten nicht die Smartphones der Schüler sein, sondern Tablets der Schulen.

Das eigene Smartphone ist Träger der Social Media Apps und damit die direkte Schnittstelle zu den sozialen Feedbackloops, gegen die sich kein Unterrichts-Inhalt durchsetzen kann. Der beste Lehrer wird sich nie so filigran in das Aufmerksamkeits- und Belohnungszentrum seiner Schüler hacken können wie die mächtigsten Unternehmen des Planeten. Niemand kann bezweifeln, dass wir alle aktuell auf der Suche nach einer Ballance zwischen echtem Leben und Server-Leben sind. Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Wenn vormittags keine Algorithmen zur Interaktion nötigen, kann das durchaus gesund sein. Man kann diese Zeit auch als Detox-Insel verstehen, die nur Gewinner kennt. Zumal ein Verbot (Man müsste definitiv ein positiveres Wort finden) für alle Schüler gleichermaßen gelten würde und sich so die Krämpfe im Rahmen des Fear of Missing Out in Grenzen hielten.

Modern bedeutet bei vielen immer noch, alles pauschal durchzudigitalisieren. Noch moderner ist ein gesundes Verhältnis zu seinen Endgeräten. Am modernsten sind die, die exakt den Sweetspot finden, der eine maximale Zufriedenheit verspricht. Der liegt da, wo der Nutzwert des Geräts in Stress umschlägt. Das ist eine Hardcore-Aufgabe, die nicht mal gestandene Erwachsene richtig gut bewältigen. These: Wenn wir die Aufmerksamkeits-Tentakeln des Silicon Valley aus den Schulen aussperren, muss das nicht zwingend zum volkswirtschaftlichen Kollaps führen.

Die Wahrheit über Reiseportale – Die größte Sadisten-Branche der Welt

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Vorbei an allen Regeln des Anstands terrorisieren booking.com und Konsorten ihre Kunden mit Verkaufsmethoden, die man nur pervers nennen kann. Jeder, der über so einen Anbieter jemals ein Hotel oder einen Flug gebucht hat, kennt den Terror mit Bannern, die nichts anderes als die künstliche Verknappung suggerieren: 66 PERSONEN BEOBACHTEN DAS GLEICHE ANGEBOT!!! DIESES ANGEBOT GILT NUR NOCH 10 SEKUNDEN!!! Am Ende hat man ein Zimmer zum vermeintlichen Schnäppchenpreis und kann die posttraumatische Belastungsstörung in Ruhe im Urlaub auskurieren. Und jeder fragt sich: Was für kranke Sadisten arbeiten da eigentlich. Hier die Antwort.

Ambiguitätstoleranz – Mein Wort des Jahres

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Der Kollege Friedemann Karig war auf einem Gymnasium in Bayern, ich in Bremen, weiter kann man intellektuell in Deutschland nicht auseinander liegen. Umso glücklicher bin ich, von ihm mein neues Lieblingswort gelernt zu haben. Voilà:

Hier ein Praxisbeispiel:

Es geht also um das klassische Einerseits-Andererseits, das für weit über 99 Prozent aller Probleme gilt. Allerdings erreichen Beiträge mit einer kerzengeraden Aussage signifikant höhere Interaktionsraten auf Facebook und Twitter und so gewöhnen sich die Älteren langsam die differenzierte Betrachtung der Dinge ab, Jüngere lernen von Anfang an die Debatte über Extrempositionen. Ein schönes Beispiel konnte man in der vorletzten Ausgabe der ZEIT lesen. Dort wagten die Autoren eine Pro-und-Contra-Gegenüberstellung zur Frage der privaten Seenotrettung. Die arme Mariam Lau hatte die undankbare Aufgabe unter der Headline “Oder soll man es lassen?” die Fallstricke der privaten Seenotrettung aufzuzählen. Natürlich ist die Hölle über ihr eingebrochen, dabei war es in der Print-Ausgabe genau der Sinn der Übung, auf einer Seite die zwei Seiten der Debatte abzubilden. Mangelnde Ambiguitätstoleranz ist also mitnichten ein Problem des Bildungsniveaus. Eitelkeit kennt keinen Schulabschluss.

Die Zielfunktion unseres inneren Algorithmus lässt uns völlig nachvollziehbar so viel positive Resonanz wie möglich suchen. Dabei lernen wir automatisch, welche Verhaltensweisen uns mehr davon davon bringen. Eine Einerseits-Andererseits-Argumentation verspricht die niedrigste Wahrscheinlichkeit auf Likes, Shares etc., aber wir dürfen im Eifer des Gefechts nicht vergessen, dass viele, die nur das Einerseits auf Twitter bemerken, sich dem Vorhandensein des Andererseits durchaus bewusst sind. Es gibt nur keinen Grund, sich mit Ambiguität die Reichweite zu vermasseln. Im Internet geht es nicht um Einzelne, sondern um statistische Mehrheiten und hier tendiert die Debatte sichtbar und folgerichtig zur Ein-Faktor-Haltung.

Die extremen Ränder Deutschlands nutzen Sprache, um über neue Schlagbegriffe Stimmungen zu steuern. Das können wir auch: Ich rege herzlich an, dieses schöne Wort Ambiguitätstoleranz zu lernen und so oft wie möglich zu verwenden. Man wirkt ungemein schlauer und rettet aktiv die Diskussionskultur. Ambiguitätstoleranz. Ambiguitätstoleranz. Ambiguitätstoleranz.

Özils Rücktritt kennt nur Gewinner – Die Attention Economy sagt Danke

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Es ist Sommerloch, aber Deutschland ist elektrisiert wie nie. Fast möchte man meinen, die Causa Özil sei ein Geschenk für alle Beteiligten. Und bei Lichte betrachtet erweist sich der vermeintliche Skandal tatsächlich als Segen für alle. Ich gehe noch weiter und behaupte: Eigentlich gibt es nur Gewinner!

Erdogan
Hat es aufs Genialste geschafft, einen Keil zwischen Türken und Deutsche in Deutschland zu treiben.

Die BILD
Hat endlich wieder einen Weg ins Herz der einfachen Leute Leute gefunden und darf sich seit langer Zeit mal wieder als Brandbeschleuniger fühlen.

Die Rechte
Hat endlich ihren Erfolgs-Migranten, der sich nicht mit Deutschland identifiziert.

Die Linke
Hat endlich ihren Beleg dafür, dass Deutschland viel rechter ist, als man bis vor Kurzem noch gedacht hatte.

Der DFB
Hat endlich eine Debatte, die vom Missmanagement der sportlichen Verantwortlichen ablenkt.

Die Qualitäts-Medien
Haben endlich ein Thema, das durch das komplette Sommerloch trägt.

Uli Hoeneß
Wird endlich mal wieder zitiert.

Hoeneß-Kritiker
Dürfen endlich mal wieder darauf hinweisen, dass ein Steuerhinterzieher keine Moral-Predigten halten sollte.

Özil
Hat den perfekten Exit aus der satten Nationalmannschaft gefunden.

Die satte Nationalmannschaft
Muss sich vor niemandem dafür rechtfertigen, warum sie bei der WM nur 80 Prozent gegeben hat.

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