DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Smartphone-Verbot an Schulen – Aus den falschen Gründen richtig

in Medien by

Das Smartphone-Verbot an Frankreichs Schulen ist beschlossen, die Debatte darum ist extrem spannend. Überraschenderweise lautet der Tenor in deutschen Medien: Rückwärtsgewandt! Realitätsfern! Fortschrittsfeindlich! So sollten Smartphones als digitale Lehrmittel verstanden werden, um einen zeitgemäßen Unterricht zu gewährleisten. Die Befürworter des Verbots argumentieren: Die scheiß Daddelkisten weichen die Gehirne der Kinder auf und lenken sie zu sehr vom Unterricht ab. Es ist im Zeitalter der Extrempositionen unerträglich, aber beide haben Recht. Bildschirme gehören in den modernen Unterricht, aber es sollten nicht die Smartphones der Schüler sein, sondern Tablets der Schulen.

Das eigene Smartphone ist Träger der Social Media Apps und damit die direkte Schnittstelle zu den sozialen Feedbackloops, gegen die sich kein Unterrichts-Inhalt durchsetzen kann. Der beste Lehrer wird sich nie so filigran in das Aufmerksamkeits- und Belohnungszentrum seiner Schüler hacken können wie die mächtigsten Unternehmen des Planeten. Niemand kann bezweifeln, dass wir alle aktuell auf der Suche nach einer Ballance zwischen echtem Leben und Server-Leben sind. Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Wenn vormittags keine Algorithmen zur Interaktion nötigen, kann das durchaus gesund sein. Man kann diese Zeit auch als Detox-Insel verstehen, die nur Gewinner kennt. Zumal ein Verbot (Man müsste definitiv ein positiveres Wort finden) für alle Schüler gleichermaßen gelten würde und sich so die Krämpfe im Rahmen des Fear of Missing Out in Grenzen hielten.

Modern bedeutet bei vielen immer noch, alles pauschal durchzudigitalisieren. Noch moderner ist ein gesundes Verhältnis zu seinen Endgeräten. Am modernsten sind die, die exakt den Sweetspot finden, der eine maximale Zufriedenheit verspricht. Der liegt da, wo der Nutzwert des Geräts in Stress umschlägt. Das ist eine Hardcore-Aufgabe, die nicht mal gestandene Erwachsene richtig gut bewältigen. These: Wenn wir die Aufmerksamkeits-Tentakeln des Silicon Valley aus den Schulen aussperren, muss das nicht zwingend zum volkswirtschaftlichen Kollaps führen.

Die Wahrheit über Reiseportale – Die größte Sadisten-Branche der Welt

in Browser Ballett by

Vorbei an allen Regeln des Anstands terrorisieren booking.com und Konsorten ihre Kunden mit Verkaufsmethoden, die man nur pervers nennen kann. Jeder, der über so einen Anbieter jemals ein Hotel oder einen Flug gebucht hat, kennt den Terror mit Bannern, die nichts anderes als die künstliche Verknappung suggerieren: 66 PERSONEN BEOBACHTEN DAS GLEICHE ANGEBOT!!! DIESES ANGEBOT GILT NUR NOCH 10 SEKUNDEN!!! Am Ende hat man ein Zimmer zum vermeintlichen Schnäppchenpreis und kann die posttraumatische Belastungsstörung in Ruhe im Urlaub auskurieren. Und jeder fragt sich: Was für kranke Sadisten arbeiten da eigentlich. Hier die Antwort.

Ambiguitätstoleranz – Mein Wort des Jahres

in Bildung by

Der Kollege Friedemann Karig war auf einem Gymnasium in Bayern, ich in Bremen, weiter kann man intellektuell in Deutschland nicht auseinander liegen. Umso glücklicher bin ich, von ihm mein neues Lieblingswort gelernt zu haben. Voilà:

Hier ein Praxisbeispiel:

Es geht also um das klassische Einerseits-Andererseits, das für weit über 99 Prozent aller Probleme gilt. Allerdings erreichen Beiträge mit einer kerzengeraden Aussage signifikant höhere Interaktionsraten auf Facebook und Twitter und so gewöhnen sich die Älteren langsam die differenzierte Betrachtung der Dinge ab, Jüngere lernen von Anfang an die Debatte über Extrempositionen. Ein schönes Beispiel konnte man in der vorletzten Ausgabe der ZEIT lesen. Dort wagten die Autoren eine Pro-und-Contra-Gegenüberstellung zur Frage der privaten Seenotrettung. Die arme Mariam Lau hatte die undankbare Aufgabe unter der Headline “Oder soll man es lassen?” die Fallstricke der privaten Seenotrettung aufzuzählen. Natürlich ist die Hölle über ihr eingebrochen, dabei war es in der Print-Ausgabe genau der Sinn der Übung, auf einer Seite die zwei Seiten der Debatte abzubilden. Mangelnde Ambiguitätstoleranz ist also mitnichten ein Problem des Bildungsniveaus. Eitelkeit kennt keinen Schulabschluss.

Die Zielfunktion unseres inneren Algorithmus lässt uns völlig nachvollziehbar so viel positive Resonanz wie möglich suchen. Dabei lernen wir automatisch, welche Verhaltensweisen uns mehr davon davon bringen. Eine Einerseits-Andererseits-Argumentation verspricht die niedrigste Wahrscheinlichkeit auf Likes, Shares etc., aber wir dürfen im Eifer des Gefechts nicht vergessen, dass viele, die nur das Einerseits auf Twitter bemerken, sich dem Vorhandensein des Andererseits durchaus bewusst sind. Es gibt nur keinen Grund, sich mit Ambiguität die Reichweite zu vermasseln. Im Internet geht es nicht um Einzelne, sondern um statistische Mehrheiten und hier tendiert die Debatte sichtbar und folgerichtig zur Ein-Faktor-Haltung.

Die extremen Ränder Deutschlands nutzen Sprache, um über neue Schlagbegriffe Stimmungen zu steuern. Das können wir auch: Ich rege herzlich an, dieses schöne Wort Ambiguitätstoleranz zu lernen und so oft wie möglich zu verwenden. Man wirkt ungemein schlauer und rettet aktiv die Diskussionskultur. Ambiguitätstoleranz. Ambiguitätstoleranz. Ambiguitätstoleranz.

Özils Rücktritt kennt nur Gewinner – Die Attention Economy sagt Danke

in Wahrheiten by

Es ist Sommerloch, aber Deutschland ist elektrisiert wie nie. Fast möchte man meinen, die Causa Özil sei ein Geschenk für alle Beteiligten. Und bei Lichte betrachtet erweist sich der vermeintliche Skandal tatsächlich als Segen für alle. Ich gehe noch weiter und behaupte: Eigentlich gibt es nur Gewinner!

Erdogan
Hat es aufs Genialste geschafft, einen Keil zwischen Türken und Deutsche in Deutschland zu treiben.

Die BILD
Hat endlich wieder einen Weg ins Herz der einfachen Leute Leute gefunden und darf sich seit langer Zeit mal wieder als Brandbeschleuniger fühlen.

Die Rechte
Hat endlich ihren Erfolgs-Migranten, der sich nicht mit Deutschland identifiziert.

Die Linke
Hat endlich ihren Beleg dafür, dass Deutschland viel rechter ist, als man bis vor Kurzem noch gedacht hatte.

Der DFB
Hat endlich eine Debatte, die vom Missmanagement der sportlichen Verantwortlichen ablenkt.

Die Qualitäts-Medien
Haben endlich ein Thema, das durch das komplette Sommerloch trägt.

Uli Hoeneß
Wird endlich mal wieder zitiert.

Hoeneß-Kritiker
Dürfen endlich mal wieder darauf hinweisen, dass ein Steuerhinterzieher keine Moral-Predigten halten sollte.

Özil
Hat den perfekten Exit aus der satten Nationalmannschaft gefunden.

Die satte Nationalmannschaft
Muss sich vor niemandem dafür rechtfertigen, warum sie bei der WM nur 80 Prozent gegeben hat.

Facebook ist schlagbar – Fehlt nur noch der Verein

in Uncategorized by

Eifrige Leser dieser Seite kennen meine Paranoia, derer nach Social Media – zumindest in der aktuellen Form – die Errungenschaften der Zivilisation und vor allem der Menschlichkeit dramatisch zurück schraubt. Überall auf der Welt verhärten soziale Netzwerke die Fronten, weil Extrempositionen besser klicken, Zwischentöne schaffen es immer seltener durch die Filter. Wir beklagen die Symptome, können die Wurzeln dafür aber immer noch nicht richtig greifen. Zum Glück gibt’s immer mehr Menschen, denen die unregulierten Manipulations-Maschinen des Silicon Valley auf den Sack gehen, wobei oft in Vergessenheit, dass das Internet von der Sache her die geilste Erfindung aller Zeiten ist. Momentan fühlt es sich so an, als befände sich das Netz am Scheideweg: Entweder wird es ein Werkzeug für wenige Mächtige, die sich damit mehr oder weniger die Welt unter den Nagel reißen. Es kann aber auch mit genügend Gegenwehr gegenüber besagten Mächtigen zurück zum Ursprungsgedanken kommen: Ein Ort, der Menschen zusammenbringt. Das klingt jetzt vielleicht etwas pastoral, aber die positive Energie gab es ja mal. Erst die manipulativen Algorithmen, die aus Usern Datenkühe machen, haben die Stimmung vergiftet und ganze Gesellschaften gespalten.

Was will der Autor eigentlich sagen? Ich habe meine Mission und meine Kritikpunkte, aber ich muss auch morgens zur Arbeit. Ich muss wahnsinnig viele Veranstaltungen zum Thema absagen und ich schwöre: Es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich zum Beispiel nicht zu einer Projektwoche nach Leonberg kommen kann, bei der Schüler über die Schattenseiten der Digitalisierung reden wollen. Ich suche daher Leute bzw. Mitstreiter, die ebenso wenig wie ich mit dem Datenkapitalismus und seinen Konsequenzen warm werden. Ich kann als Maskottchen gerne meine Reichweite anbieten und zur Not auch ein Kostüm tragen, aber ich weiß ja nicht mal wie man einen Verein gründet. Außerdem bin ich kein Experte im akademischen Sinn. Ich würde mich wahnsinnig über Leute freuen, die einen konkreten Plan zum Beispiel über Entscheidungs- und Verhaltenspsychologie mitbringen. Ich komme mir einigermaßen blöd dabei vor, auf Veranstaltungen Studien zu zitieren, bei denen ich selbst nicht beteiligt war. Genauso verstehe ich, dass die Leute skeptisch sind, wenn ein gelernter Comedy-Autor plötzlich über Neurowissenschaften faselt – und dann sind die Gags auch noch scheiße.

Mein Hauptjob ist immer noch Unterhaltung, was mir mal besser und mal schlechter gelingt. Aber ich habe auch zwei Kinder, denen ich vieles, was aktuell die Politik, die Medien und den Umgang untereinander kennzeichnet, ersparen möchte. Ich will nicht, dass die Blagen eines Tages wie die Vollidioten rumhaten, weil sie sich davon Likes versprechen. Ich will nicht, dass sie in einem Angst-Europa groß werden, in dem man vergessen hat, dass dieses oft seltsame Konstrukt namens EU immer noch ein Friedensprojekt ist. Ich will nicht, dass sie sich normieren lassen, vor allem will ich nicht, dass ihr freier Wille von adaptiven Algorithmen überschrieben wird, die nur das Ziel haben, ihre Interaktionsbereitschaft auf ein Maximum zu prügeln.

So viel zum Pathos, zurück zur Idee: Ich hatte in letzter Zeit viele Gespräche mit Gleichgesinnten und immer wieder waren wir der Meinung, dass es aktuell vor allem an Aufklärung mangelt. Man kann schließlich erst kritisieren, was man versteht. Und da haben wir aktuell das Problem, dass viele, die dem Vernehmen nach im Bildungsauftrag handeln, nicht mehr so wirklich am Puls der Zeit sind. Halbwegs organisiert kann man hingegen Geld sammeln und Medienkooperationen eintüten, Informationskampagnen fahren, Studien fördern und am Ende auch die Politik unter Druck setzen. Ein Verein oder eine Organisation verspricht ferner allein über die Mitgliederzahl ein gewisses öffentliches Interesse.

Ich weiß nicht, ob wir 5 werden oder 50. Ich weiß nur, dass ich große Lust darauf hätte, Teil eines Teams zu sein, in dem sich jeder mit der Zeit, die ihm oder ihr zur Verfügung steht, diesen ekelhaften Silicon-Valley-Kaspern in den Weg stellt. Natürlich ist das größenwahnsinnig, aber anders macht es ja auch keinen Spaß.

Long story short: Es steht noch gar nichts: Kein Name, keine Organisationsform, keine Mitglieder. Aber ich bin mir sicher, mit meinem Anliegen nicht allein zu sein. Wer ähnlich denkt, schreibt mir einfach an schlecky@steinbergersilberstein.com – und dann schaun’ mer mal, was mit gebündelter Energie möglich ist. Und wenn es nur für das Gefühl ist, nicht doof und tatenlos rumzustehen, während sich die Welt zum Schlechten verändert.

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