DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

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Jetzt Mäzen von Nico Semsrott werden – Das No Fun Facts Crowdfunding

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Gemessen an der Medienresonanz müsste Nico Semsrott längst eine Finca auf Mallorca zwischen Peter Maffay und Frank Elstner haben. Aber die fetten Jahre in der Unterhaltungsbranche sind vorbei. Tatsächlich wischt Semsrott aktuell vor allem Bühnen. Wir Kleinkünstler wissen: Die Gage deckt die Fahrtkosten, übernachtet wird auf der Couch des Bookers und Groupie-Sex ist in diesem Entertainment-Segment eher unüblich. Dabei gibt es ein fantastisches Format, von dem sogar alle was haben: Semsrotts grandiose Online-Serie No Fun Facts ist ein Infotainment-Piece der Extraklasse, welches in seinen stärksten Momenten sogar besser als John Oliver ist. Die Geschichte fordert dringend eine weitere Staffel, aber die Geschichte hat kein Geld. Deshalb könnt Ihr jetzt erstmals selbst den Produzenten geben. Nico braucht nicht viel, aber doch immerhin ein bisschen und sammelt auf Startnext aktuell Geld für die Staffel “Untergang der Demokratie. Traurig präsentiert, aber schön gefilmt.” – wer was einzahlt, macht Deutschland mit seiner Spende aktiv klüger.

Wir brauchen mehr Ironie-Kompetenz – *Ironie on

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Immer wieder liest man im englischsprachigen Raum vom langsamen Sterben der Ironie. Dabei geht es im Kern um den Trend, Aussagen immer kugelsicherer und maximal emotional zu treffen. Denn die Zeiten sind ernst, sehr ernst, zu ernst für Witzchen. Als rhetorische Figur sagt die ironische Aussage das eine, meint dabei aber das Gegenteil. Der Kniff funktioniert natürlich nur, wenn der Adressat ihn versteht. Riskant! Zwinkersmileys und die Kennzeichnung *Ironie off sind ein gutes Zeichen dafür, dass wir das Risiko immer seltener eingehen und die Ironie langsam aber sicher verlernen.

IRONIE IST HUMAN-ONLY

Damit meine ich nicht Euch Wittgenstein-Leser, sondern den Durchschnitt der Gesellschaft. Zu all den Kompetenzen, die sich Menschen in der vernetzten Welt aneignen müssen, will ich die Ironie-Kompetenz hinzufügen. Als Harald Schmidt noch auf Sendung war, verfügten wir in Deutschland zum Beispiel über eine deutlich höhere Ironie-Kompetenz als heute. Aber wozu brauchen wir das Ding überhaupt? Ich stelle die steile These in den Raum, dass Ironie zu den wenigen Dingen gehört, zu denen eine AI wohl nie fähig sein wird. Zur Stunde müssen wir uns nicht permanent von irgendwelchen Maschinen-Intelligenzen abgrenzen und doch leben wir in einer Welt, in der Identität für viele Menschen zur zweiten (oder ersten) Religion geworden ist. Ironie ist human-only, allein schon deshalb sollten wir sie pflegen und schützen. Aber was ist eigentlich der Grund dafür, dass wir immer mehr auf diese pastorale NGO-Tonalität setzen, die jeder Aussage das Leid der Welt auf die Schultern setzt, was nicht selten zum Brüllen komisch ist (aber wer lacht, hat den Ernst der Lage nicht verstanden).

*IRONIE ON

In den 90ern (der Simpsons-Ära) hat man selten mehr als fünf Personen gleichzeitig angesprochen. Man kannte das intellektuelle Gefälle im Raum und konnte seine Rhetorik darauf anpassen. Thanks to the Internet richten wir unser Wort heute an ganze Communities. Auf Twitter und Facebook geht alles was wir sagen durch mindestens 300 Gehirne, daher tendieren wir zum kleinsten gemeinsamen Nenner der Verständlichkeit. Deshalb sind Pressemitteilungen auch meistens frei von Ironie. Je nach Größe der Peergroup ist jeder Tweet eine kleine Pressemitteilung, hier mit der feinen Klinge der Ironie zu arbeiten, kann den einen oder anderen Adressaten ratlos hinterlassen. Und Hand auf’s Herz: Wie oft verstehen wir andere absichtlich falsch, um im Lichte unserer klugen Kritik zu glänzen? Die Call-out-Culture ist keine Fata Morgana, wir gehen jeden Tag auf Großwildjagd, um irgendjemanden einer bedenklichen Aussage zu überführen. Als Chef einer Comedy-Redaktion frage ich jeden morgen: Hat heute schon irgendjemand etwas falsches gesagt?

DIE SEUCHE DES VERLOGENEN ERNSTS

Leah Finnegan nannte den Trend in ihrem Nachruf Bring Back the Irony Urn, als Abkürzung für “Urgent Earnestness” und lieferte ein allzu bekanntes Beispiel:

Urn is saying the most obvious thing (“Donald Trump is a big whiny crybaby!”) really self-righteously (“Donald Trump is a big whiny crybaby and if you don’t think so you need to reexamine your life!”) and receiving acclaim for doing so (“Donald Trump is a big whiny crybaby and if you don’t think so you need to reexamine your life!” 3.1k likes 4.5k retweets).

Integraler Bestandteil einer Aussage sind längst auch Reichweiten-Kennzahlen, denn wer etwas mag, das schon viele andere mochten, kann so falsch nicht liegen. Wir können uns gar nicht dagegen wehren, dass sich unser innerer Algorithmus, der stets nach Bestätigung sucht, mit den Algorithmen synchronisiert, die hohe Interaktionsraten über Likes und Retweets erzeugen wollen. Dementsprechend neigen wir zu Aussagen mit geringster Ambiguität, weil sie bewiesenermaßen über die höchste Zuspruch-Wahrscheinlichkeit verfügen. Und wenn Ironie von etwas lebt, dann von Ambiguität (vulgo: Doppeldeutigkeit).

DIE BESTE WAFFE GEGEN BULLSHIT

Kommen wir zurück zum konkreten Nutzen der Ironie: Ironie ist die beste Waffe gegen Bullshitting, also dem Trend der kalkulierten Empörung und der windigen Selbstüberhöhung mit dem Menschen und Organisationen ethische und moralische Rampen für schmierige Eigen-PR anfahren. Das ist leider eine der ekelhaftesten Seuchen unserer Zeit, die immer schamloser um sich greift. Ironie ist ein Vergrößerungsglas für Bullshit, weil sie immer sagt: Schau zweimal hin. Wenn man dann noch den Nagel auf den Kopf trifft, werden Euch die Götter mit Likes belohnen, die Ihr Euch in Euren kühnsten Träumen nicht ausmalen könnt. Viel Spaß damit.

Lieber Mario Basler – Ich will Dich nicht an Social Media verlieren

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Lieber Mario Basler, ich kann nicht zulassen, dass auch Du von Social Media gefressen wirst. Ich kann nicht zulassen, dass ein weiterer Held meiner Jugend in diesen Sumpf abrutscht. Wer bin ich, dass ich einer Legende Ratschläge erteile, aber hier sitze ich, ich kann nicht anders: Lösch’ Deinen Twitter-Account, bevor es zu spät ist und Du Dich der Borisbeckerisierung nicht mehr entziehen kannst. Du warst immer mein liebster Regelbrecher, der sich seine Seele auch dann bewahrt hat, als Fußballprofis anfingen wie JuSos zu reden. Ich kann nicht akzeptieren, dass ein Mann, der in der ersten Bundesliga regelmäßig Ecken direkt verwandelt hat, plötzlich berechenbar wird. Sich auf Social Media provozieren zu lassen, ist wie ein Beinschuss von einem Hobbykicker. Wenn die Leute Dir online blöd kommen, meinen sie nicht Dich. Sie wollen ihren Followern zeigen, dass sie einen Mario Basler aus der Reserve locken können. Das darfst Du nicht zulassen. Ein Mario Basler darf sich nicht in diese Negativitäts-Spirale ziehen lassen. Ich habe als kleiner Junge in Mario-Basler-Bettwäsche geschlafen, weil Du immer Dein Ding gemacht hast. Du warst immun gegen jede Form von Zirkus. Dieses Social Media Ding ist der größte Zirkus von allen, aber er kennt keine Gewinner, sondern nur gefrustete Aufmerksamkeits-Junkies. Noch ist es nicht zu spät. Du bist immer noch Idol. Aber wenn Du auch einer von diesen Typen wirst, die ihre eigene Legende einreißen, weil sie sich auf Kleinkriege mit Leuten einlassen, die sie nicht mal persönlich kennen, dann löst sich eines meiner größten Vorbilder einfach so in Retweets auf. Bleib super, Mario.

Unabhängigkeit für Ostdeutschland – Ein Gedankenspiel

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England und Katalonien machen es vor: Der Austritt aus was auch immer ist der heißeste Polit-Trend, die Muster sind immer gleich:

Ergriffen von Nachrichten, von denen in der Regel nur die Link-Headlines auf Facebook gelesen werden, entdecken Menschen ihre Wurzeln neu und raufen sich via Social Media zusammen, um gegen die nächstgrößere politische Instanz aufzustehen.

Einzig der Maulkorb der Geschichte und die vielen emotionalen Mauerfall-Impressionen verhindern, dass weite Teile Ostdeutschlands den Catalonian Way gehen. Denn Sektierer-Häkchen kann man überall machen:

  • Eine Zentralregierung, die eine komplett andere Linie vertritt.
  • Starker nationaler Zusammenhalt durch gemeinsam durchlebtes Leid.
  • Hohe Arbeitslosigkeit.

Uns vom Browser Ballett würde brennend interessieren, wie so ein Referendum ausginge. Wie in Spanien wäre es nicht verbindlich bzw. bei uns verfassungsgemäß gar nicht möglich und doch hindert es etwa die Katalanen nicht, so ein Referendum abzuhalten. Und weil wir so neugierig sind, stellen wir’s einfach mal in den Raum. Keine Denkverbote.

Rassisten ohne Grenzen – Ausländer verhindern, Fluchtursachen bekämpfen

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Das Problem mit Ausländerfeindlichkeit ist vor allem die extrem kurzsichtige Herangehensweise der Ausländerfeinde. Dabei weiß auch der 24-Stunden-Hetzer: Ausländer wachsen bei uns nicht auf dem Baum, die kommen her, weil’s woanders so trostlose ist, dass Menschen sogar ihre Heimat hinter sich lassen. Fakt ist: Wer möglichst wenige Ausländer um sich haben möchte, muss Fluchtursachen bekämpfen. Weite Teile der Entwicklungshilfe stammen nicht etwa aus den Köpfen linksgrüner Namenstänzer, sondern aus den Thinktanks knallharter Geopolitiker, die exakt ein Ziel verfolgen: Ausländer von den eigenen Grenzen fernhalten. Ein knallharter Rassist, der mit aller Leidenschaft die Ausländerquote in Deutschland senken will, sollte vor allem humanitäre Projekt unterstützen, gegen Waffenexporte demonstrieren und zum Friedensaktivisten umschulen. Ein schönes Beispiel ist der Verein Rassisten ohne Grenzen, der Entwicklungshilfe im Sudan betreibt, damit die Sudanesen schön von Deutschland wegbleiben. Das Motiv muss man nicht teilen, aber mit solchen Rassisten könnten wir arbeiten. Würde es sie geben.

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