Wen wollt Ihr verarschen? Ein Brief an Airbnb

in What The Fuck by

Liebes Airbnb,

Eure neue Kampagne ist historisch. Historisch frech. Angefangen als Home Sharing Dienst, seid Ihr mittlerweile die Plattform Nummer eins für das illegale Hotelgewerbe. Das gilt vielleicht nicht für Vechta, aber im unerträglichen Ausmaß für Berlin. Als Filmschaffender verbringe ich viel Zeit in Berliner Airbnb-Wohnungen, weil viele unserer Clips in einer Mietwohnung gedreht werden, daher kann ich aus eigener Erfahrung berichten: Es ist zum Kotzen. Die Vermieter bzw. deren Pagen schicken uns einen Schlüsselcode weil sie selbst in München, New York, oder Jerusalem leben, die Wohnungen selbst tun nicht mal so, als würde dort ein echter Mensch regulär leben. Es gibt keine Handtücher, keine Löffel, kein Duschgel, also nichts, was auf menschliches Leben hinweist, stattdessen wurden die Buden eiligst mit den günstigsten IKEA-Accessoires aufgefüllt, damit da überhaupt was steht. Und es sind schöne Wohnungen: Altbauporno in bester A-Lage. Und dann der Moment, in dem Du realisierst: In dieser Wohnung mitten in Berlin wird nie ein Berliner wohnen.

EINE KAMPAGNE WIE EIN FUCKFINGER

Diese Wohnungen sind dem Mietmarkt bis auf Weiteres entzogen, liebes Airbnb. Das ist keine Ansichtssache, wie Eure Kampagne suggeriert, das ist ein Fakt. Vor einem Jahr berichtete der geschätzte RBB-Kollege Robin Avram von einer “lovely flat in vibrant beautiful Kreuzberg” in einem Mietshaus in der Muskauer Straße, in dem 7 von 18 Wohnungen in eine Ferienwohnung umgewandelt wurden. Das Wohnungsamt Friedrichshain Kreuzberg konnte nicht handeln, weil der Inhaber der vermietenden GmbH mal Lettland, mal in der Ukraine verschollen war. Die Codes für den Schlüsselkasten konnte der Mann trotzdem jederzeit verschicken.

ES LEBE DER IRISCHE DATENSCHUTZ

Im April erließ die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen eine Auskunftsanordnung, die Euch dazu zwingen sollte, die Daten von unregistrierten Vermietern herauszugeben. Die Reaktion von Airbnb Deutschland war erwartbar: Die Informationen kann nur Airbnb Irland herausgeben also greift das irische Datenschutzrecht. Mit solchen Spielchen ist die Sache meistens vom Tisch, denn im Berliner Senat sitzen keine aufgestachelten Topjuristen, sondern eben nur Berliner Beamte. No offense.

Ich habe mal aus Neugierde geprüft, in welchen Berliner Unterkünften die vorgeschriebene Registriernummer auf der Angebotsseite steht. Da findet man wenig bis gar nichts. Da frage ich mich, liebes Airbnb, ob es nicht sinnvoller wäre, die schwarzen Schafe von der Plattform zu vertreiben, als diese unwürdige Kampagne zu fahren, die nichts weiter ist, als ein Fuckfinger für alle, die in Berlin eine der letzten bezahlbaren Wohnungen jagen. Wenn ihr ernsthaft effektiven Wohnungsschutz in Berlin betreiben wolltet, könntet Ihr zum Beispiel die Registriernummer zur Bedingung machen, ohne die eine Angebotserstellung gar nicht möglich wäre.

ZIVILER UNGEHORSAM IST MÖGLICH

Wenn ein Unternehmen die Politik austrickst, bleibt leider nur noch ziviler Ungehorsam. Ich bin neulich aus Versehen über einen dieser Schlüsseltresore gestolpert, die neuerdings an tausenden Berliner Hausfassaden prangen. Oft neben dem Klingelschild, manchmal auch clever auf Fußhöhe. Auf jeden Fall hat sich der Tresor dann ganz blöd von der Wand gelöst und ist dann auch noch – völlig verrückt – in einen Gulli gefallen. Und dann dachte ich mir: Oh shit, die armen Mieter. Aber dann dachte ich mir: Nee, ein normaler Mieter hat seinen Schlüssel ja am Schlüsselbund. Ha, und zum Schluss dachte ich mir: Diese Schlüsseltresore sind ja super Indikatoren dafür, dass in dem entsprechenden Haus geschäftsmäßig Wohnungen vermietet werden, in denen Berliner nie wohnen werden. Als Berliner wäre ich sauer.

Natürlich verdient ihr an jeder Vermittlung und es geht ums Geschäft, also gibt’s auch keinen Grund, irgendwo die Zügel zu lockern, wo es die Politik bzw. der irische Datenschutz doch zulässt. Aber ist es wirklich nötig, die Berliner über Plakatflächen für blöd zu verkaufen? Ich verstehe das nicht und würde mich über eine Antwort freuen.

Herzlichst,
Schlecky Silberstein

Ach ja: So sehen diese Schlüsseltresore aus:

Werden in der Regel von vier dünnen Dübeln gehalten. Quelle amazon.de

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