Political Correctness trifft Karneval – Bildungsbürger-Chauvinismus am Limit

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Menschen fordern mehr Political Correctness beim Karneval. BEIM KARNEVAL! BEIM KAR-NE-VAL!!! Diese Veranstaltung etikettiert sich mit offiziellem Siegel als Event wider den tierischen Ernst. Um letzte Zweifel an dieser Mission zu tilgen setzen sich erwachsene Menschen zusätzlich alberne Hüte und Clownsnasen auf. Die Idee: Einmal im Jahr sind wir mal völlig loco und feiern ein paar Tage lang Katharsis vom Ernst des Lebens.

WENN ICH ETWAS SCHEISSE FINDE, GEHE ICH NICHT HIN

Karneval – für die, sie sich mit dem Phänomen noch nie befasst haben – ist eine folkloristische Veranstaltung von einfachen Menschen für einfache Menschen. Mich interessiert es nicht und deshalb belaste ich mich damit auch nicht weiter. Oder wie man früher sagte: Wenn ich etwas Scheiße finde, dann gehe ich einfach nicht hin.

Heute ziehen sich Studenten freiwillig Karneval-Übertragungen rein, obwohl sie für Menschen mit akademischen Ambitionen A) nicht konzipiert und B) kaum zu ertragen sind. Warum sollte ein kluger Mensch sowas tun? Weil etwas passieren könnte, über das man sich öffentlich aufregen kann. Man hat den Loriot-Sketch dazu schon vor Augen.

DUMMLAND VS SCHLAULAND

Hinter der Realsatire verbirgt sich aber leider auch das hässlichste Gesicht des Bildungsbürgers: Der Chauvinist. Political Correctness wird in letzter Zeit immer frecher als Instrument einer Schlauberger-Elite missbraucht, die Deutschland am liebsten in Dummland und Schlauland aufteilen möchte. Anstatt sich still und in Würde darüber zu freuen, dass man die besseren Startchancen hatte (oder wirklich ein Genie ist), stürzt sich die Elite auf den Karneval und erklärt den Bauern, was sie schon wieder alles falsch gemacht haben.

Das ist nicht nur unerträglich deutsch (Ich zeige Ihnen mal, wie man’s richtig macht!), diese namenlose Arroganz ist auch gefährlich. Gehen wir mal davon aus, dass unser größtes Problem gesellschaftliche Gräben sind, die nicht nur zwischen links und rechts, sondern auch zwischen privilegiert und unprivilegiert verlaufen. Da ist es wenig hilfreich den anderen ständig über den Graben zu rufen, was sie alles falsch machen – selbst wenn man recht hat.

SICHTBARKEIT ERPÖBELN

Und hier die Floskel des Tages: So treibt man die einfachen Menschen in die Arme von Rechtspopulisten. Es wäre gerade soeben noch OK, wenn der eine oder andere aus der Schlauberger-Elite sagen würde: Das ist aber meine leidenschaftliche Meinung, ich bin überzeugt und kann aus meinem Herzen keine Mördergrube machen. Mag schon sein. Die Mehrheit weiß ziemlich genau, was auf Twitter und Facebook zieht. Kritik am reaktionären Teil der Gesellschaft ist Reichweiten-Gold. Und plötzlich pöbelt man für das eigene Renommee Leute an, die man ohne Social-Media-Erfolgskennzahlen in Ruhe gelassen hätte. Auf der anderen Seite wird genauso gearbeitet. Ja. Aber Ihr sagt doch selbst, dass die nicht so schlau sind. Was will der Autor sagen?

Wer aus egoistischen Motiven Öl ins gesellschaftliche Feuer gießt, der treibt den Kollaps genauso voran, wie demokratieverdrossene Nationalisten.

Und jetzt noch ein wenig Humor-Theorie. Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich mit ihrem letzten Standup nicht über Intersexualität, sondern über Berliner Männer lustig gemacht. Das war in der Tat grob unsensibel. Über unsere Zerrissenheit macht sich die Frau ja gar kein Bild.

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