Wie eine bescheuerte Debatte entsteht am Beispiel von Claudia Neumann

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Man will in diesen Tagen nicht Claudia Neumann sein. Überhaupt will man kein nationales Debatten-Thema sein, nur weil man seinen Beruf ausübt. Die Frage bleibt: Wie konnte die Debatte, ob Claudia Neumann den Männersport Fußball kommentieren darf, überhaupt so groß werden? Um diese Frage zu beantworten, habe ich mir erlaubt, das fiktionalisierte Ereignis auf zwei verschiedene Punkte auf einer Zeitachse zu legen.

1999

Werner Hollmann sieht im TV, dass eine Frau ein Spiel der der Männer-Nationalmannschaft kommentiert. Es missfällt ihm. Aber was soll man machen?

2018

Werner Hollmann sieht im TV, dass eine Frau ein Spiel der Männer-Nationalmannschaft kommentiert. Es missfällt ihm. Er schreibt auf Twitter “Frauen haben im Männersport Fußball nichts verloren” und hofft auf Resonanz.

30 Männer sehen den Tweet unter dem Hashtag WM2018 und freuen sich, dass da draußen jemand genau so denkt wie sie. Sie retweeten und hoffen auf Resonanz.

Die linksliberale Grafikerin Eva Blücher sieht den Tweet und schreibt “Es kann nicht sein, dass wir 2018 noch eine Debatte darüber führen, ob eine Frau ein Fußballspiel kommentieren darf” und hofft auf Resonanz.

Der Journalist Julian Schmeichelt sieht den Blücher-Tweet und freut sich über ein Thema, das immer geht. Er verfasst einen Artikel mit dem Titel “Shitstorm gegen WM-Kommentatorin Claudia Neumann”, weil Shitstorm ein aufmerksamkeitsstarkes Headline-Schlagwort ist. Er und sein Verlag hoffen auf Resonanz.

Der ehemalige Fußballprofi und Weltmeister von 1990, Uwe Bank, liest den Artikel und witzelt auf Twitter: Ich bin seit 30 Jahren verheiratet und weiß: Nichts können Frauen besser als Männer kommentieren. Er hofft auf Resonanz.

Die Grünen-Politikerin Petra Klamm-Rothberger entscheidet sich dafür, den Witz des Ex-Profis als Statement zu verstehen und antwortet via Twitter: “Schön wie hier 41 Millionen Frauen pauschal als Tratschweiber ohne höhere Qualifikation gebrandmarkt werden!” und hofft auf Resonanz.

Der TAZ-Journalist Etienne Buhlmann bittet Klamm-Rothberger zu einem Interview über strukturellen Alltags-Sexismus und den Stand der Männerdomäne Fußball im Jahr 2018. Die Resonanz gibt ihm Recht.

Der gut vernetzte Montags-Demo-Organisator Ulf Sachse teilt den TAZ-Artikel und kritisiert die Durchpolitisierung von allem durch die hysterische Linke. Er hofft auf Resonanz.

Die Satiriker-Truppe Bonanza Brüller Ballett stellt einen Clip ins Netz, in dem die Claudia Neumann wie ein naives Dummchen kommentiert. Man hofft auf Resonanz.

Der Student Marcel Krüger richtet eine Petition ein: Claudia Neumann muss das WM-Finale kommentieren. Binnen Stunden unterschreiben und teilen 12.000 Menschen die Petition und hoffen auf Resonanz.

Nach Wochen des Schweigens gibt Claudia Neumann der ZEIT ein Interview, in der sie ihre Kritiker aufruft: Bildet Euch weiter!

Werner Hollmann ist glücklich. Er hat eine nationale Debatte losgetreten. Die Resonanz ist überwältigend.

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