Die Welt muss brennen – Zuckerberg sagt Kampf gegen Fake News ab

in What The Fuck by

Über das Interview wird man in Geschichtsbüchern später häufiger reden: Mark Zuckerberg hat seinen Plan im Kampf gegen Fake News mit der Tech Journalistin Kara Swisher geteilt. Und der sieht so aus: Sollte mit der Verbreitung von Fake News ein klarer Aufruf zur Gewalt einhergehen, wird Facebook den Inhalt umgehend löschen. Ansonsten gilt weiterhin die Meinungsfreiheit, die auch dann geschützt ist, wenn Unwahrheiten verbreitet werden. Oder ums ganz klar zu machen: Facebook unternimmt nichts, solange nicht zu Gewalttaten aufgerufen wird.

Lasst mich in diesem Zusammenhang einen Blick nach Indien richten: Dort sorgt eine Fake News Welle seit Anfang des Jahres für unzählige Lynch-Morde an Unschuldigen, weil immer wieder über WhatsApp Gerüchte viral gehen, denen nach als Bettler verkleidete Organhändler im großen Stil Kinder kidnappen. Die indische Regierung musste allein dieses Jahr 65 Mal das Internet abschalten, um Schlimmeres zu verhindern. Hier verlieren Menschen ihr Leben ohne einen direkten Mordaufruf, die Behauptung von angeblichen Entführungen reichte vor zwei Wochen völlig aus, dass ein junger Mann in Karnataka von einem 2000-Mann-starken Mob gejagt und zu Tode geprügelt wurde. Menschen brauchen selbstverständlich keinen direkten Handlungsaufruf zur Gewaltanwendung, um über infame Propaganda genau zu diesem Mittel zu greifen.

Den 700.000 Rohingya, die in der Folge von Fake News aus Myanmar flüchten mussten, wurden ebenso selten direkte Gewalt angedroht. Die Unterstellung, sie würden mordend und vergewaltigend durchs Land ziehen, reichte völlig aus. Mittlerweile bestätigen sogar UN-Ermittler, dass der Schlüssel zu Eskalation der Gewalt in Myanmar Facebook-Propaganda war. Oder wie UN-Sonderberichterstatterin Yanghee Lee sagt: Facebook has turned into a beast in Myanmar.

Als Zuckerberg ganz kurz zweifelte

Vielleicht erinnern sich noch einige an den Januar 2018. Ein geläuterter oder betrunkener Mark Zuckerberg kündigte an, Fake News den Kampf anzusagen. Dazu dachte er laut darüber nach Facebook wieder zu einem Ort der Privat-Kontakte zu machen und die Reichweite von Nachrichtenangeboten und Fanpages zu Gunsten von Facebook-Freunden zu drosseln.

Am nächsten Tag war er 3,3 Milliarden (!) Dollar ärmer, weil die Börse sofort reagiert hatte. Weil das Nutzerwachstum in den Industrienationen langsam die Stagnationsphase erreicht, liegt der neue Business-Fokus schon länger in Südostasien und Afrika. Und Fake News gehören leider in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern zum interaktionsstärksten Content.

Hass ist keine Meinung

Es wäre natürlich grob zynisch, in ausgewählten Ländern gegen Fake News vorzugehen, deshalb – und der Einfachheit halber – gelten für die ganze Welt im Wesentlichen die gleichen Community Richtlinien. Ich bezweifle offen gesagt, dass Mark Zuckerberg überhaupt weiß, dass Myanmar bis 2011 von einer Militärdiktatur regiert wurde. In Ermangelung einer freien Presse galten dort Gerüchte jahrzehntelang als glaubwürdiger als die Lügen der Staatsmedien. Oder anders gesagt: Es wäre ratsam, sich mit kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen, bevor man ganzen Gesellschaften die soziale Atombombe Facebook ins Land pfeffert.

It gets worse

Zusammenfassend lernen wir: Facebook selbst wird Fake News laufen lassen, weil sie ein geniales Fangnetz für maximales Engagement und damit Nutzerdaten sind. Damit erklärt Zuckerberg jetzt auch offiziell die Propaganda-Ära für eröffnet und sagt durch die Blume: Freut Euch auf noch mehr Konflikte und noch mehr Fluchtursachen, wer clever ist, sichert sich Anteile.

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