Jaron Lanier – Das wichtigste Buch 2018 ist kompakt und rettet Deine Seele

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Wer mich kennt – und Leser dieser Seite kennen mich ja auch irgendwie – weiß, dass es sich für mich extrem awkward anfühlt, Euch hier ein Buch zu empfehlen, dass ich selbst geschrieben habe. Die meisten von Euch schätzen schleckysilberstein.com als Empfehlungsplattform, und doch wäre es ja auch einigermaßen widersinnig, Euch nicht darüber zu informieren, dass ich eben diese Buch, Das Internet muss weg, geschrieben habe. Aber ich kann es Euch unmöglich empfehlen. Das ist insofern ein Dilemma, als es mir ein großes Anliegen ist, so oft wie möglich davor zu warnen, dass wir alle gerade mit unfassbarer Geschwindigkeit auf eine Mega-Katastrophe zusteuern, weil kaum jemand wirklich versteht, wie algorithmisch optimierte Verhaltensmodifikation funktioniert.

Und hier die gute Nachricht: Der geschätzte Silicon Valley Veteran Jaron Lanier hat mit Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst im Wesentlichen das gleiche Buch geschrieben, nur kürzer und handlicher. Was ich hier verfasse, ist keine Buchempfehlung. Empfehlung bedeutet “kannste lesen, kannst aber auch lassen”. Ich flehe Euch vielmehr auf blutigen Knien an, dieses Buch zu lesen. “Buch” klingt ja auch schon wieder so bedrohlich. Es ist ein sehr kleines Buch, dass Ihr auf einer Zugfahrt Köln-Berlin durch habt. Es erklärt nicht weniger als die Welt in der wir aktuell leben. Das ist eine sehr verwirrende Welt, die sich aber ganz einfach verstehen lässt, wenn man die Grundprinzipien algorithmisch optimierter Verhaltensmodifikation versteht.

Anders als meine Wenigkeit bietet Lanier sehr kluge Lösungen, die eher heute als morgen von staatlichen Institutionen zur Auflage für Facebook und Google gemacht werden sollten. Es mag den einen oder anderen erschüttern, aber datengestütztes Ad-Targeting gehört zum Beispiel verboten. Das hat auch nichts mehr mit Werbung zu tun, Lanier fordert zu Recht, endlich die Begrifflichkeit “Verhaltensmodifikation” zu verwenden. Facebook und Google verdienen ihr Geld mit eindeutigen behavioristischen Dressur-Methoden, wobei es in der Natur der Sache liegt, dass der Dressierte zeitlebens schwört: Manipuliert wurden immer nur die anderen. Oder wie Lanier schreibt:

Ich persönlich, liebe Leser, bin auch der festen Überzeugung, der einzige Vernünftige hier zu sein. Aber genau das ist der Trick hinter kluger Manipulation. In dem Buch geht es außerdem um Schuldeingeständnisse vieler Architekten des Systems. Stimmen wie die Chamath Palihapitiya (Ex-Vizepräsident für Nutzer-Wachstum bei Facebook) hört man in letzter Zeit immer häufiger.

Die überzeugendsten Stellen des Buches drehen sich um die Frage, die wir uns ja alle stellen: Warum macht uns Social Media zu Arschlöchern? Die Antwort ist in meinen Augen das Kern-Problem vernetzter Gesellschaften: Wut wird belohnt und damit systematisch erzeugt. Facebook und Google verdienen nur dann Geld, wenn wir mit ihren Servern interagieren, also handelbare Daten liegen lassen. Verständlicherweise sind die Systeme daraufhin optimiert, so viel Interaktion wie möglich zu erzeugen. Das Problem ist nur: Menschen interagieren messbar häufiger, wenn sie wütend sind, oder Angst haben. Hier ein Chart aus meinem aktuellen Vortrag “World Wide Wut”.

Der Abbildung liegt eine Studie zugrunde, die 2010 anhand von 70 Millionen Social Media Beiträgen ermitteln wollte, ob Emotionen eine Rolle bei der Verbreitungsgeschwindigkeit von Online-Inhalten spielen. Das Ergebnis ist relativ eindeutig und wird in regelmäßigen Abständen von Studien auf der ganzen Welt bestätigt: Nichts ist viraler als Wut und Angst. Das wissen auch Google und Facebook. Aktiv diesen Tendenzen entgegenzuwirken wäre ökonomischer Selbstmord. Im Silicon Valley wehrt man sich nach Kräften gegen den Vorwurf, Menschen bewusst wütender zu machen. Gleichzeitig gibt man immerhin zu, Algorithmen so zu programmieren, dass sie das höchstes “Engagement” fördern. Und das bedeutet im Umkehrschluss nichts anderes, als Menschen über den Verstärker der Belohnung wütender zu machen. Dafür gibt es noch einen zweiten Grund:

Das ist alles schlüssig weil nachvollziehbar, aber Woche für Woche lese ich in grundsätzlich geschätzten Zeitungen, sehr esoterische Herleitungen darüber, wo nur die ganze Wut und die ganzen gesellschaftlichen Gräben herkommen. Neulich erst las ich wieder von nicht verarbeiteten Folgen der Kolonialzeit als Grund für den Rechtsruck in Europa. Genau so gut ist die Kolonialzeit für die Formschwäche von Thomas Müller verantwortlich. Wir haben im Kern kein politisches, sondern ein ökonomisches Problem. Diese unzähligen Rechtsruck-Debatten könnten wir uns sparen, wenn wir nur ein einziges Mal eine halbwegs informierte Debatte über automatisiert Verhaltensmodifikation führen würden. Da stecken zwar nicht die Killer-SEO-Begriffe Gauland, Flüchtlingskrise und Asyltourismus drin, wohl aber Antworten auf die Frage: Wo beginnt eigentlich das Problem? Oder wie Lanier findet:

Es frustet mich momentan gigantisch wie viele Menschen, die jeweils hundertmal intelligenter sind als ich, einfach nicht bereit sind, die technologische Komponente der wichtigsten Probleme unserer Zeit zu verstehen. Ich kenne die patinierten Chefredakteure, die damit kokettieren, dass sie sich mit “Bits und Bytes” nicht auskennen. Das ist 2018 ein intellektueller Offenbarungseid und, pardon, solche Leute gehören verjagt respektive verrentet. Aber jetzt gibt’s keine Entschuldigung mehr: “Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst” ist gemessen daran, dass es das wichtigste Buch aller Zeiten werden kann angenehm kurz ausgefallen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich noch alles schreiben soll, um Euch zum Kauf zu nötigen. Macht’s für Euch.

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