Zum Kotzen aber profitabel – Warum sich alle an ihre Kommentarfunktion klammern

in Bildung by

Sie ist bei fast allen Systemen vorinstalliert und vielleicht der wichtigste Demokratisierungs-Treiber der vernetzten Welt: Die Kommentarfunktion macht einfache Leser zu Mitgliedern einer Community. Das wollen wir doch alle sein. Die Welt im Dialog und so. Aber Hand aufs Herz: Wann habt Ihr das letzte Mal einen validen Kommentar gelesen? Oder anders gefragt: Scrollt wirklich jemand bis in die Kommentare, um eine kluge Ergänzung zum zugrunde liegenden Artikel zu lesen? Ich glaube, ich bin nicht allein, wenn ich sage: Kommentarspalten sind sowas wie das Dschungelcamp des kleines Mannes. Sie bedienen den alltäglichen Voyeurismus und die bange Hoffnung: Herr, lass da draußen noch Menschen sein, die bescheuerter sind als ich.

Unter allen allen Jobs, die das Internet geschaffen hat, gibt es einen, den wir nicht einmal unseren größten Feinden wünschen: Community Manager. Ich habe in meiner Karriere viele kennengelernt und alle umwehte ein bitterer Existentialismus. Kein Community Manager glaubt an Gott, diese armen Seelen glauben nicht einmal an den Menschen. Community Manager moderieren klassischerweise Kommentarbereiche, wobei moderieren in der Regel bedeutet: Löschen, oder wider der Intuition höflich zur Mäßigung aufrufen. Diese Mutter aller digitalen Drecksjobs wird in der Regel an Redaktions-Praktikanten delegiert (Du bist jetzt Community Manager. Das ist viel Verantwortung!), die angesichts der psychischen Belastung nicht mal mehr in der Lage sind, eine Kündigung zu verfassen. Also warum hat immer noch fast jedes Medien-Outlet einen Kommentar-Bereich, obwohl es jeden nervt, wenn nicht sogar schmerzt?

Hier die Antwort: Google möchte, dass die Standzeit seiner Werbebanner möglichst hoch ist. Denn je länger eine Banner in Eurem Sichtfeld steht, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr draufklickt. Davon profitieren auch die Seitenbetreiber. Die Verweildauer des einzelnen Users ist eine der wichtigsten Kennzahlen für Werbetreibende hinsichtlich des Wertes einer Banner-Fläche. Vielleicht habt Ihr schon mal was von der “Bounce Rate” gehört. Die bildet ab, wie lange User im Schnitt eine Seite und damit ihre Werbebanner im Wahrnehmungsfeld haben. Je mehr Zeit ein User in den Konsum eines Artikels investiert, desto günstiger die Bounce Rate. Die viel gepredigte User-Bindung bedeutet hier nichts anderes, als den User so lange wie möglich an die Werbebanner zu binden. Wenn Ihr also das nächste Mal einen gepfefferten Kommentar verfasst, wisset: Der Seitenbetreiber scheißt auf die Schärfe Eurer Argumente, vielmehr freut er sich darüber, dass Ihr die durchschnittliche Verweildauer auf seiner Seite erhöht. Oder kurz: Je mehr kommentiert wird, desto mehr verdient der Content-Anbieter.

Google hat für das Festhalten an Kommentarfunktionen übrigens ein tolles Knebel-Tool entwickelt. Jedes Stichwort, das in einem Kommentar verwendet wird, wird dem zugrundeliegenden Artikel zugerechnet. Kommentar-Autoren schreiben den Artikel also fort und verhelfen ihm über die kostenlose Verschlagwortung zu besseren Ergebnissen in der Google-Suche. Vor diesem Hintergrund wäre es ökonomischer Wahnsinn, den Kommentarbereich zu schließen, denn damit verringern Seitenbetreiber ihr Standing vor den Augen der Google-Suchalgorithmen rapide. Und weil ich hier schon zu lange Wasser gepredigt und Wein gesoffen habe, verabschiede ich mich jetzt vom Kommentarbereich. Ihr erreicht mich weiterhin unter schlecky@steinbergersilberstein.com

Und überhaupt: Die Zeit, die Ihr mit Kommentaren verballert, gibt Euch am Ende Eures Lebens niemand zurück.

NEU IM BOHEMIAN BROWSER BALLETT

Schreibt Bücher über die Abschaffung des Internets und Drehbücher für das Bohemian Browser Ballett. Präsentiert hier seit 2010 alles Wissenswerte aus der digitalen Hölle und alles Lobenswerte aus dem digitalen Himmel. Alle Infos zum Buch: www.dasinternetmussweg.de