Am Shitstorm teilnehmen – Ein multipler Orgasmus für das Gehirn

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Vor knapp einem Monat saß ich mit gestandenen Comedy Autoren beisammen und wir diskutierten einen Sketch, in dem ein Gangster-Rapper zum Rücktritt gedrängt wurde, weil unterschiedliche Frauen- und Opferverbände in seinen Texten ein zweifelhaftes Menschenbild registrierten. Am Ende sah sich sein Label dazu veranlasst, seinen Plattenvertrag zu kündigen und versicherte in einer Pressemitteilung, man sei betroffen und sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Letzte Woche wurde diese Satire real: BMG stoppte bekanntermaßen die Zusammenarbeit mit Kollegah und Farid Bang aufgrund antisemitischer Texte. Das ist natürlich völliger Schwachsinn. Wer das Phänomen des Antisemitismus dazu missbraucht, um sich als Organisation, als Marke, oder längst vergessene Einzelperson zu profilieren, der gehört eigentlich geshitstormt.

Aber warum lassen wir uns eigentlich dazu hinreißen, infamste Unterstellungen an unserem Menschenverstand vorbei zu glauben und an der Welle der Empörung sogar aktiv teilzunehmen? Weil es uns neurologisch gesehen auf so vielen Ebenen gleichzeitig glücklich macht, dass man die Teilnahme an einem Shitstorm schon als gesundheitsfördernd einstufen könnte. Der Journalist Ron Jonson lieferte bereits 2015 mit seinem Buch So You’ve Been Publicly Shamed ein Basiswerk für das Verständnis von Shitstorms in vernetzten Gesellschaften, ich selbst habe mich 2017 zur Buch-Recherche durch unterschiedliche Studien zum Thema Social-Media-Dynamiken gewühlt und erlaube mir, hier in aller Knappheit die einzelnen psychologischen Hebel zu präsentieren, die uns beim Ankacken anderer so oft das Gefühl vermitteln, als würden wir fliegen. Vorweg schicke ich einen Gedanken der Präsidenten-Gattin Eleanor Roosevelt in den Ring:

Great minds discuss ideas; average minds discuss events; small minds discuss people.

Eleanor Roosevelt kannte keine sozialen Medien und würde den Satz heute wahrscheinlich anders formulieren. Ist man denn automatisch dumm, wenn man doch nur glücklich sein möchte? Hier im Einzelnen die wichtigsten Effekte, die uns so gerne zur öffentlichen Raserei bringen:

Das Scheitern Dritter sorgt für eine Aktivierung im Belohnungszentrum, was umso tragischer ist, als wir für diese Form von Dopamin-Ausstoß selbst gar nicht oder kaum aktiv werden müssen. Dabei gilt: Je erfolgreicher die scheiternde Person im Vergleich zu uns, desto intensiver das Glücksgefühl. Nun kann man dieses Gefühl für sich im Stillen genießen, dann gäbe es keine Shitstorms. Aber leider führt die aktive öffentliche Kritik zu einem weiteren Wohlfühl-Impuls, weil es uns die seltene Gelegenheit gibt, uns mit erfolgreichen Personen ins Verhältnis zu setzen. Izthak Fried von der University of California belegte 2016 zudem, dass wir ein Glücksgefühl beim Scheitern anderer auch deshalb erleben, weil der Schaden eines Dritten automatisch als Lernerfolg für uns selbst verbucht wird. Im Falle von Kollegah und Farid Bang haben wir alle gelernt, dass provokative Punchlines ohne antisemitischen Kontext dennoch als Antisemitismus bestraft werden. Die Rapper wurden öffentlich angeprangert, wir anderen haben für den gleichen Lerneffekt keinen Schaden genommen. Da kann man sich schon mal gut fühlen.

Gruppen machen glücklich. Ob wir gemeinsam im Stadion den Schiri auspfeiffen, oder Rappern Antisemitismus vorwerfen, in beiden Fällen nehmen wir an einer Gemeinschaftserfahrung teil. Niemand ist gern mit seiner Meinung allein, überhaupt ist niemand gern allein. Um der Einsamkeit zu enfliehen, nehmen Menschen sogar Meinungen an, die nicht originär ihre eigenen sind. Unter dieses Gefühl lassen sich unterschiedliche Effekte subsumieren. So schließen wir uns im Rahmen des Bandwagon-Effects gerne Mehrheitsmeinungen an, um hinterher nicht als Verlierer der Geschichte dazustehen. Aus diesem Grund wählen Menschen tendenziell Parteien mit guten Umfragewerten. Wissenschaftler von der Nottingham Trent University unterstellten der Identifikation mit Gruppenwerten einen Anstieg der individuellen Zufriedenheit um 9 Prozent. Dabei reicht laut Studienleiterin Juliet Wakefield zum Glücklichsein schon die lose Identifikation: It’s that subjective sense of belonging that’s crucial for happiness.

Was immer wieder falsch verstanden wird, ist die Frage nach dem Adressaten einer über soziale Medien geübten Kritik. Wer Farid Bang und dem Boss Antisemitismus hinterhergetweetet hat, kommunizierte nicht mit den Rappern. Die sind lediglich Objekt der Kritik. Adressat ist immer das Interaktions-Vieh in der eigenen Peergroup, also die Menschen, die unsere Kritik-Note teilen und kommentieren sollen: Freunde und Follower. Die Erwartung eines Tweets gegen Kollegah, Farid oder die ECHO-Verantwortlichen besteht nicht darin, dass diese ihr Verhalten ändern, die Erwartung besteht in der persönlichen Bestätigung durch Likes, Retweets und Kommentare durch unsere Peergroup. Das sorgt für die süße körpereigene Droge Dopamin, die immer dann freigesetzt wird, wenn wir uns auf positive soziale Bestätigung freuen. Kurz: Es geht oft um uns und selten um den “-ismus”.

Der berühmte Spruch “Die Wiederholung einer Unwahrheit macht sie nicht wahrer” hält leider Studien nicht stand. Im April 2017 belegten Wissenschaftler der Yale Universität, dass wir dazu neigen Behauptungen zu glauben, je häufiger wir sie hören. Das ganze funktioniert wie ein Cookie fürs Gehirn. Damit Informationen nicht immer wieder neu komplett geladen werden müssen, speichert das Gehirn wiederkehrende Informationen unbewusst ab. Dabei ist dem Gehirn egal, ob es sich um Falschinformationen handelt. Der “Hab-ich-schon-mal-gehört-Effekt” produziert gefühlte Wahrheiten mit jeder Wiederholung. Im Shitstorm wird die Behauptung “Kollegah und Farid Bang sind Antisemiten” so oft in kurzer Zeit wiederholt, dass unser Gehirn enorme Anstrengungen unternehmen muss, die Behauptung in Frage zu stellen. “Bei mir nicht!” ist kein Argument. Eine der Hauptaufgaben des Gehirns besteht darin, Energie zu sparen. Dazu gehören auch schnelle Schlüsse und das unbewusste Vertrauen in Wiederholungen. Die Evolution hat leider nicht vorhergesehen, dass wir eines Tages über weltumfassende Kommunikations-Netze verfügen, mit denen wir Lügen schnell und gratis vervielfältigen können. Die Katze beißt sich ab dem Zeitpunkt in den Schwanz, ab dem wir der festen Überzeugung sind, zwei Rapper als Antisemiten entlarvt zu haben. Denn dann greift das Phänomen des Bestätigungsfehlers (Confirmation Bias), der unsere ganz natürliche Neigung beschreibt, Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese unsere eigenen Erwartungen erfüllen. Auch das spart Energie.

Der aufmerksame Leser wird verstanden haben, dass es mir nicht um die Reinwaschung zweier Berufsprovokateure geht, sondern um die vielen kleinen Faktoren, die uns immer wieder zu diesem unwürdigen Wutmob machen. Es ist völlig menschlich, sich ab an einfachen gehen zu lassen, aber es macht einen nicht dümmer, die Psychologie dahinter zu verstehen. Warum Wut durch das Internet immer mehr zu einer Emotion wird, die wir mit der Erwartung auf ein Glücksgefühl verknüpfen, würde hier den Rahmen sprengen, kann aber in bei Interesse in meinem Buch nachgelesen werden. Aber lauscht mal testweise in Euch rein, was Ihr fühlen würdet, wenn sich Dieter Bohlen morgen outete: Ja, ich habe alle meine Hits geklaut.

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