hgm Press im Rausch – Wie unanständig ist geschäftsmäßiges Abmahnen?

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Ach Kinder, es ist doch scheiße: In der englischen Bäckerei North Star Cakes entstand eine saucoole Torte, die einer echten Python zum Verwechseln ähnlich sah. Das Werk namens Snake Cake teilte man völlig zu recht auf Facebook, um auf die eigene Schaffenskraft aufmerksam zu machen. Blogs weltweit präsentierten das Foto und plötzlich war North Star Cakes in aller Munde.

Nur in Deutschland sorgt die Verbreitung der Arbeit mal wieder für Ärger: Die Bildagentur HGM-Press, über die wir hier bereits berichteten, machte offenbar den Rechteinhaber an dem Bild ausfindig und mahnt für ihn jetzt alle ab, die es verwendet haben und somit überhaupt für die Viralität gesorgt haben. Und, bitte, ich will hier in den Kommentaren nicht schon wieder lesen, dass Fotografen für ihre Arbeit entlohnt werden müssen. Das ist doch völlig klar, wir sind doch nicht bescheuert. Aber es muss doch auch jedem klar sein, was diese “Bildagentur” für ein Spielchen treibt. Das ist nach deutschem Recht legitim und egal, was die ganzen Tugendbürger hier immer mit ihrem Blogs-glauben-wohl-es-gäbe-für-sie-keine-Regeln-Gelaber ins Kommentarfeld klugscheißern: Das geht nicht klar. Punkt. Aus. Ende.

Hier werden Gesetze, die sich einem neuen medialen Umfeld noch nicht angepasst haben, geschäftsmäßig angewendet. Was machen wir hier denn eigentlich den ganzen Tag? Wir multiplizieren Kreativiät. Unternehmen zahlen ein Schweinegeld dafür, dass Blogs über ihre Ideen berichten. Eben weil die Berichterstattung einen glasklaren Mehrwert generiert. Wir schreiben ja nicht “Hey Folks, zieht Euch mal diese scheiß Schlangentorte rein. Den Bäcker sollte man erschießen.” Wir informieren, empfehlen und verlinken. Unternehmen müssen nicht mehr Millionen in die Hand nehmen, damit sie gesehen werden. Oft sorgt eine fantastische Idee für genau so viel Reichweite. Erstmals können kleine Unternehmen genau so sichtbar sein, wie Millionenkonzerne. Wie geil, fair, cool ist das bitteschön?

Ich muss doch davon ausgehen, dass eine Bäckerei, die ihre Tortenkreation auf Facebook teilt, möchte, dass ihre Idee multipliziert wird. Die Bäckerin Francesca Pitcher lud das Bild mit dem einzigen Zweck hoch, dass es geteilt wird. Anders kann ich mir ihren Tweet am nächsten Tag nicht erklären:

I am, honoured, flattered and utterly terrified this morning as the wonderful Duff Goldman from Ace of Cakes tweeted a picture of my snake cake out to his 40,000 followers last night with the word ‘AMAZING!!’ and a link to my FB page. Who would of thought that the cake I made for my daughter’s birthday party would cause such a stir and bring me a little closer to my idol.

Bis hierhin ist die Welt für alle in Ordnung. Francesca freut sich über Sichtbarkeit, während die Blogs dankbar über erstklassigen Content sind. Niemand wird bezweifeln, dass es genau so funktionieren sollte. Die Bildagentur, die Pitcher das Bild abkauft, macht jetzt aber aus einem Bitte-teile-mich-und-mach-mich-berühmt-Bild ein Willst-Du-mich-veröffentlichen-dann-musst-du-mich-bezahlen-Bild. Durch den Erwerb des Bildes durch die Agentur bekommt es einen ganz neuen Charakter. Und genau hier sollten Blogs einen gewissen Schutz genießen, wie es zum Beispiel in den USA der Fall ist. Wer das nicht möchte, der möchte auch keine Blogs.

Achtung: Das Problem ist nicht HGM Press. Inhaber Hans-Gerd Michel hat erkannt, dass man viel Geld damit verdienen kann, wenn man die Rechte viral gewordener Bilder erwirbt und die Motoren dahinter verklagt. Das klingt natürlich mies bis absurd, aber olle Hans-Gerd muss auch seine Rechnungen zahlen. Wir sind hier ja nicht in Takka-Tukka-Land. Viel schlimmer: Wir sind in Deutschland, wo solche Geschäftsmodelle möglich sind. Und so hat es dieses Mal Ronny vom Kraftfuttermischwerk getroffen: 1839,60 EURO für das Teilen der Torte.

Mittlerweile gibt es eine geschlossene Facebook-Gruppe, in der aktuell alle HGM-Fälle gesammelt werden. Und siehe da: Das Unternehmen hat in den letzten Wochen knapp 65.000 EUR eingetrieben. Und deshalb bekommt Hans-Gerd heute von uns den ersten Schlecky Silberstein Unternehmerpreis 2012. Wir gratulieren.

Es gibt nur ein Problem: Wenn man mit dieser Aggressivität weite Teile der deutschen Netzkultur attackiert, dann macht man sich nicht nur Freunde – ob man nun legal vorgeht oder nicht. Darf man nämlich jüngsten Gerüchten glauben, wären sowohl HGM-Press als auch deren Anwälte von ActiveLAW sehr gut beraten, das hart verdiente Geld vor allem Menschen anzuvertrauen, die sich mit IT-Sicherheit auskennen. Unschön, das alles.

via kfmw

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