DIE JOGGINGHOSE FÜR DEN KOPF

Ich erkenne mein Land nicht mehr wieder – André Voigt berichtet vom Stadionbesuch

in Politik by

Weil’s selten passiert, dass ich im Internet noch Herzrasen bekomme: Sportjournalist André Voigt war mit seiner Familie samt 2jähriger Tochter im Stadion beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien und fand sich in einer Real Life Filterblase wieder, in der offener Rassismus völlig normal war. Es war völlig normal, hinter einem 2jährigen Mädchen stehend “Neger” zu rufen, wann immer Sané am Ball war. Es war völlig normal, dass Voigt als Störenfried galt, als er das Gespräch mit seinen Blocknachbarn suchte. Es war völlig normal, dass Voigt mit seiner Meinung völlig allein da stand. Nicht in Chemnitz, sondern in Wolfsburg.

Üblicherweise ist es anständig, in solchen Fällen das zu tun, was Voigt getan hat: Bei Arschlöchern nicht weg hören, sondern ihnen zeigen, dass man anderer Meinung ist. Das macht auch nicht jeder. Aber wie brutal muss die Erfahrung sein, damit vor seinem Kind krachend aufzulaufen?

Wir können jetzt wieder mit 3 Millionen Teilnehmern eine Unteilbar-Demo veranstalten und uns gegenseitig beklatschen. Effektiver ist dieses Mal aber tatsächlich eine Aktion, die jeder bequem von zu Hause aus tätigen kann. Wir sollten dieses Video so hartnäckig teilen, dass es irgendwie aus unserer Filterblase platzt.

Denn André Voigt steht nicht im Verdacht, eine linker Medien-Guerilla zu sein. Er ist kein öffentlich-rechtlicher Betroffenheitsjournalist, der für Aufmerksamkeit jeden anschwärzt, der anders denkt und sich jeden Tag auf die eigene Tugendhaftigkeit einen runterholt. André Voigt hat keine Agenda. Er ist einfach nur ein ganz normaler Vater, der sein Land nicht mehr wiedererkennt.

Trauriges Update:

Frauen sind Straßenfußballer – So versteht jeder Mann die Vorteile von Geschlechtergerechtigkeit

in Sport by

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist eine Idee, die alles besser macht. Und zwar für alle. Besonders für Männer. Aber weil der Mensch dazu neigt, Veränderung automatisch mit Verlust gleichzusetzen, sind viele Herren skeptisch und werden dafür zunächst öffentlich beschimpft. Beschimpfungen gelten zwar als zeitgemäßer Weg, für Verständnis zu werben, aber manchmal hilft es auch, Dinge ganz schnöde zu erklären. Zu diesem Behufe habe ich mir ein Beispiel aus dem Fußball geborgt, das mich persönlich schon immer in meiner tiefsten Überzeugung bestätigt hat, dass kluge (ist nicht umsonst gefettet) Gleichstellungsregeln des Beste ist, was Männlein wie Weiblein passieren kann. Viel Spaß damit:

Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch

Wenn wir früher in Bremen-Nord nach der Schule Fußball gespielt haben, sind die Teams zunächst auf Klüngel-Ebene entstanden. Auf der einen Seite waren 11 Jungs, von denen sich die meisten aus dem Fußballverein kennen, die anderen 11 waren Straßenkicker. Nach kurzer Zeit lagen die Straßenkicker 6:0 zurück. Das waren zwar alles gute Fußballer, aber sie hatten keine Chance gegen Vereinsspieler, die sich schon seit der F-Jugend kennen, gezielt gefördert wurden und ihre Qualität auch den Erfahrungen der Ü60-Herrenmannschaft zu verdanken haben. Nach dem 7:0 waren alle gelangweilt, weil ein gutes Fußballspiel 2:1 ausgeht und nicht 16:0. Die Mannschaftsaufteilung hatte für keinen einen Wert, also haben die Vereinsspieler gesagt: Ihr kriegt 3 von uns und wir kriegen 3 von Euch. Das war keine Geste der Solidarität, auf die man sich via Twitter einen runtergeholt hat. Erstens gab es noch kein Twitter, zweitens haben wir die Teams umgestellt, weil es vorher einfach keinen Spaß gemacht.

Gewinnen muss Spaß machen

Wer aus den Reihen der Vereinsspieler das 7:0 erzielt hat, der ist ohne ein Lächeln auf dem Gesicht zurück in die eigene Hälfte getrabt. Dieses Tor bzw. dieser Erfolg hatte für ihn so gut wie keinen Wert. Nach der Neuaufteilung der Teams, haben wir wieder bei 0:0 angefangen und das Spiel wurde erwartungsgemäß ein gutes Spiel. Die Vereinsspieler mit den 3 Straßenkickern haben kurz vor Schluss das Siegtor erzielt. Sie haben sich zur Jubeltraube versammelt und waren stolz auf ihre Leistung. Weil das Spiel so eng war, hat jeder sein Bestes gegeben und für sein individuelles Spiel Erfahrungen gesammelt, die ihm zu einem besseren Fußballer gemacht haben. Die Regelung „Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.“ war für alle Beteiligten ein Gewinn.

Der Vorteil des Vereinsspielers

Vielleicht sollten wir Geschlechtergerechtigkeit zur Abwechslung mal so betrachten: Männer sind Vereinsspieler, Frauen sind Straßenkicker. Die einen verdanken ihren Vorteil dem Club und seinen Strukturen sowie den Club-Erfahrungen der Vergangenheit, die schon gesammelt wurden, als die aktuellen Vereinsspieler noch gar nicht geboren waren. Die anderen sind individuell vielleicht Weltklasse, aber ohne eine gerechte Mannschaftsaufteilung würde das Straßenkicker-Team jedes Spiel verlieren. Ideen wie Frauenquoten sind im Kern nichts anderes als „Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.“

Vielleicht spielst Du einfach nur scheiße

Wer aus den Reihen der Vereinsspieler beim Stand von 7:0 gegen neue Mannschaften protestiert hätte, den hätten alle anderen nach Hause geschickt. Es gibt beim Fußball nur einen Grund, gegen „Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.“ zu sein: Wenn man selbst ein beschissener Fußballspieler ist, obwohl man im Verein spielt. Dann hat man verständlicherweise Angst vor ausgeglichenen Mannschaften. Denn dann steigt das Niveau des Spiels und jeder kann sehen, dass Du scheiße spielst. Schaut Euch mal um. Man sieht fast nie, dass ein Mann, der hart arbeitet und seinen Job auf höchstem Niveau macht, die Augen über Gleichstellungsdebatten verdreht. Das machen in der Regel nur die Graupen, die sich hinter den Guten verstecken. Ein guter Spieler sieht vielmehr überhaupt keinen Sinn darin, für ein Spiel auf den Platz zu gehen, von dem er ausgehen kann, dass seine Mannschaft mit 14:0 gewinnen wird. Aus eigenem Interesse wird er vorschlagen: Ihr kriegt 3 von uns, wir kriegen 3 von Euch.

Danke für die Aufmerksamkeit

Political Correctness trifft Karneval – Bildungsbürger-Chauvinismus am Limit

in Politik by

Menschen fordern mehr Political Correctness beim Karneval. BEIM KARNEVAL! BEIM KAR-NE-VAL!!! Diese Veranstaltung etikettiert sich mit offiziellem Siegel als Event wider den tierischen Ernst. Um letzte Zweifel an dieser Mission zu tilgen setzen sich erwachsene Menschen zusätzlich alberne Hüte und Clownsnasen auf. Die Idee: Einmal im Jahr sind wir mal völlig loco und feiern ein paar Tage lang Katharsis vom Ernst des Lebens.

WENN ICH ETWAS SCHEISSE FINDE, GEHE ICH NICHT HIN

Karneval – für die, sie sich mit dem Phänomen noch nie befasst haben – ist eine folkloristische Veranstaltung von einfachen Menschen für einfache Menschen. Mich interessiert es nicht und deshalb belaste ich mich damit auch nicht weiter. Oder wie man früher sagte: Wenn ich etwas Scheiße finde, dann gehe ich einfach nicht hin.

Heute ziehen sich Studenten freiwillig Karneval-Übertragungen rein, obwohl sie für Menschen mit akademischen Ambitionen A) nicht konzipiert und B) kaum zu ertragen sind. Warum sollte ein kluger Mensch sowas tun? Weil etwas passieren könnte, über das man sich öffentlich aufregen kann. Man hat den Loriot-Sketch dazu schon vor Augen.

DUMMLAND VS SCHLAULAND

Hinter der Realsatire verbirgt sich aber leider auch das hässlichste Gesicht des Bildungsbürgers: Der Chauvinist. Political Correctness wird in letzter Zeit immer frecher als Instrument einer Schlauberger-Elite missbraucht, die Deutschland am liebsten in Dummland und Schlauland aufteilen möchte. Anstatt sich still und in Würde darüber zu freuen, dass man die besseren Startchancen hatte (oder wirklich ein Genie ist), stürzt sich die Elite auf den Karneval und erklärt den Bauern, was sie schon wieder alles falsch gemacht haben.

Das ist nicht nur unerträglich deutsch (Ich zeige Ihnen mal, wie man’s richtig macht!), diese namenlose Arroganz ist auch gefährlich. Gehen wir mal davon aus, dass unser größtes Problem gesellschaftliche Gräben sind, die nicht nur zwischen links und rechts, sondern auch zwischen privilegiert und unprivilegiert verlaufen. Da ist es wenig hilfreich den anderen ständig über den Graben zu rufen, was sie alles falsch machen – selbst wenn man recht hat.

SICHTBARKEIT ERPÖBELN

Und hier die Floskel des Tages: So treibt man die einfachen Menschen in die Arme von Rechtspopulisten. Es wäre gerade soeben noch OK, wenn der eine oder andere aus der Schlauberger-Elite sagen würde: Das ist aber meine leidenschaftliche Meinung, ich bin überzeugt und kann aus meinem Herzen keine Mördergrube machen. Mag schon sein. Die Mehrheit weiß ziemlich genau, was auf Twitter und Facebook zieht. Kritik am reaktionären Teil der Gesellschaft ist Reichweiten-Gold. Und plötzlich pöbelt man für das eigene Renommee Leute an, die man ohne Social-Media-Erfolgskennzahlen in Ruhe gelassen hätte. Auf der anderen Seite wird genauso gearbeitet. Ja. Aber Ihr sagt doch selbst, dass die nicht so schlau sind. Was will der Autor sagen?

Wer aus egoistischen Motiven Öl ins gesellschaftliche Feuer gießt, der treibt den Kollaps genauso voran, wie demokratieverdrossene Nationalisten.

Und jetzt noch ein wenig Humor-Theorie. Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich mit ihrem letzten Standup nicht über Intersexualität, sondern über Berliner Männer lustig gemacht. Das war in der Tat grob unsensibel. Über unsere Zerrissenheit macht sich die Frau ja gar kein Bild.

Greta Thunberg ist die größte CO2-Schleuder der Welt – Argumente aus der Hölle

in Browser Ballett by

Ich hab ja in Sachen Social-Media-Wahnsinn schon viel gesehen, aber dass erwachsene Männer ein Kind beschimpfen, dass sich um die eigene Zukunft sorgt, ist die neue Benchmark. Zum Floskel-Paket älterer Generationen gehörte seit Anbeginn der Menschheit “Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich”. Aber auch diesen, über alle ideologischen Grenzen hinweg gültigen Grundsatz, haben die Filterblasen dieser Welt aus den Gehirnen der Geringsten radiert. Spannend war in den Kommentarspalten die Argumentationsführung der Thunberg-Gegner, denn anders als bei den Themen Migration und Sicherheit, lässt die Kritik an Greta Thunberg gar nicht so viel Spielraum zu. Und so erlebten wir die Sternstunde einer der beliebtesten rhetorischen Figuren des Social-Media-Zeitalters: Das tu-quoque-Argument.

Tu-quoque (Du auch) möchte dem Mahner die Qualifikation für sein Urteil entziehen, in dem man ihm oder sie in der Regel spitzfindig vor Augen führt: Du machst es auch nicht besser. Stichwort: Wasser predigen, Wein trinken. In der Folge fanden die Social-Media-Ermittler tonnenweise Indizien, die Greta Thunberg in Sachen Umweltbewusstsein in die Nähe der Volksrepublik China rückten. Mit dem Browser Ballett sind wir tief in den Schlick dieses Schwachsinns getaucht und haben aus den wahnsinnigsten Perlen der Argumentation eine Zusammenfassung gebaut, die nur einen Schluss zu lässt: Die größte Bedrohung für den Planeten ist Greta Thunberg selbst.

Vaper sind die neuen Veganer – Eine Polemik

in Drogengebrauch by

Strawberry-Ingwer, Macadamia-Gummibärchen, Cola-Calamares, man läuft dieser Tage durch unterschiedliche Aroma-Schwaden aus den Lungen von Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Vaporizer und E-Zigaretten sind auf dem Siegeszug und doch wirken sie im Stadtbild wie eine real gewordene Vision aus einer Zukunfts-Parodie aus den Achtzigern.

Menschen kauern an Flughäfen über ein 0,5-Meter-Mikro-USB-Kabel mit einer Steckdose verbunden und saugen an einem blinkenden Kolben aus gebürsteten Aluminium. Dieser Text soll keine Eloge auf die gute alte Zigarette werden. Und doch steht es außer Frage, dass die Zigarette ihrem Nutzer mehr Würde verlieh als ein Vaporizer mit dem Namen Velociraptor GTX Vapeman.

Die Zigarette macht tot, deshalb raucht man sie. Daher kommt die Gefahr, das Verruchte und der Shortcut zum Erwachsenwerden. Es ist gleichzeitig auch die dümmste Alltagsdroge der Welt und wer raucht, jagt nicht nur ein teuflisch hohes Krebsrisiko, er lässt sich auch von der Industrie nach Strich und Faden verarschen.

Aber Hand aufs Herz: Kann sich jemand James Dean oder Helmut Schmidt mit Vaporizer vorstellen? Ich auch nicht. Die Zigarette war und ist das dümmste Lifestyleprodukt aller Zeiten, aber immerhin ein Lifestyleprodukt. Denn das ist der Unterschied: Eine E-Zigarette oder ein Verdampfer ist kein Lifestyleprodukt. Es funktioniert einfach nicht. Nicht mal Werbemillionen können die Dinger dazu machen.

Man glaubt den Testimonials auf den Plakaten nicht für fünf Sekunden, dass sie je eine E-Zigarette anrühren würden. Vielmehr wirkt es auf den Betrachter unfassbar befremdlich einen vermeintlich belesenen, weltgewandten Herren im Dreitagebart mit einer E-Zigarette zu sehen. Man möchte dem Modell zurufen: Bist Du blöd? Warum rauchst auf einmal E-Zigaretten? Und warum ist da keine Berufsschule im Hintergrund? Solche Motive kennt man üblicherweise aus der Kunst, wenn es darum geht, den Betrachter bewusst zu verwirren.

Mir suggeriert die E-Zigarette, dass da jemand nicht so richtig weiß, was er will. Solche Leute haben immer einen akkurat rasierten Intimbereich und stellen Deko-Objekte auf sämtliche Freiflächen in ihrer Wohnung. Sie wechseln ihre Meinungen überdurchschnittlich häufig und genießen nichts leidenschaftlicher als sich über ihren Arbeitgeber aufzuregen, bei dem sie nie kündigen würden. Das ist nur meine persönliche Einschätzung, aber mein Gefühl sagt mir, damit nicht ganz allein zu sein. Nichts liegt mir ferner als irgendwen zu beleidigen. Ich will lieber dazu aufrufen, ganz mit dem Quarzen aufzuhören, oder gar nicht. Aber vapen ist keine Option. Außerdem sieht es extrem scheiße aus.

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